Bajazzo lacht nicht, sein Gesicht ist Maske, starr und tot. Und wo die Maske fällt, da verdunkelt ihr Schatten das Gesicht. Sie scheint für einen kleinen Augenblick nur zur Seite geschoben, fort von großen traurig-melancholischen Kinderaugen, starr und dem Tod sehr nah auch sie. Lorcas Harlekin lacht niemals; er trägt das spitze Hütchen seiner Zunft mit dem Pompon. Wir glauben, ihn singen zu hören "mit Worten, die seufzen". Zwischen 1924 und 1936 zeichnete der spanische Dichter Federico García Lorca mit dünnem, sehr feinem Strich zarte Miniaturen unter der Sichel des Mondes, voller Erinnerungen und Anklänge an die Heimat zwischen Okzident und Orient, an Andalusien mit seinen Pinienhainen, Oliven, maurischen Säulen und Alkoven, mit Heiligenlegenden und dem Klang der Zigeunerromanzen. Man sieht es diesen intimen Poesie-Bildern an: Sie sind spontan entstanden, intuitiv, auch aus Freude am Bild. Kinder zeichnen so, flach und ohne jede räumliche Perspektive, zwei oder drei Linien mit dem Zeichenstift schaffen Gestalten, Szenen, Inhalte. Lorcas kalligraphische Namenszeichnungen erzählen Geschichten. Viele der hier gesammelten 78 Zeichnungen versetzen den Betrachter zurück in eine längst vergangene Zeit. Sie bewahren den Kinderblick auf die Welt innen und außen, bedeutet Kindheit für Lorca doch Refugium und Widerstand gegen die Wirklichkeit zugleich. Unter dem Einfluß des Freundes Salvador Dalí treten Elemente des Surrealismus hinzu, Zeichen auch, wie wir sie bei Joan Miró finden – die Symbolik wird schwer, interpretationsbedürftig dort, wo Lorca deutlicher als in Lyrik oder Drama anzuspielen scheint auf die eigene Homosexualität und seine Isolierung in der Gesellschaft. Rolf Blaeser leistet diese Hilfestellung nicht: Sein Text versammelt eklektizistisch (seitenlange Selbstzitate inbegriffen) alles, was die These vom grandiosen zeichnerischen Genie Lorca stützen kann, das dem poetischen ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen sei. Es hat eine lange, schlechte Tradition, Lorcas Leben und Werk zum unauflösbaren Rätsel zu stilisieren; Blaesers passagenweise alles verdunkelnde Diktion trägt kräftigst dazu bei. Das dichterische und das zeichnerische Werk des Federico García Lorca sind nicht zu trennen. Der Harlekin, der den Tod des Stierkämpfers Ignacio Sanchez Mejías beweint, er beweint ihn 1935 auf der ersten Seite der Lorca-Handschrift seines großen Poems "Klage um Ignacio Sanchez Mejias". Dieser Harlekin gehört untrennbar zu dem Gesang des Dichters aus "Worten, die seufzen". Vielleicht trifft man es so am besten: Lorcas Zeichnung ist die Idee, seine Poesie ihre Ausführung (Rolf Blaeser: "Federico Garcia Lorca als Zeichner"; DuMont Buchverlag, Köln 1986; 219 S., Abb., 38,– DM).

Ernst-Jürgen Walberg