Angesichts der Erfahrung, daß unser Handeln nicht nur die Natur, sondern auch unsere Lebensgrundlagen zerstört, stellt sich heute die Frage nach dem Verhältnis der Menschen zur Natur mit aktueller Brisanz. Auch die Haltung des Menschen zu sich selbst und unser Verständnis von seinem Wesen ist in Wandlung begriffen. So entdecken Philosophinnen, daß ein Nachdenken, das die Frau nicht aus- sondern einschließt, erst am Anfang steht. Auch die Frauenbewegung fordert Umdenken. Sie wehrt sich gegen Einstellungen, die Frau entweder als Arbeitstier auszunutzen, oder sie zum „psychologischen Naherholungsgebiet für gestreßte Ehemänner“ zu degradieren.

In ihrem Buch „Der Tod der Natur“ vertritt die amerikanische Wissenschaftshistorikerin Carolyn Merchant die Auffassung, daß sowohl der heute drohende Tod der Natur als auch die Ausbeutung der Frau ein Ergebnis der neuzeitlichen Entwicklungen und des technischen Fortschritts seien. Der abendländische Fortschritt gründe auf der zunehmenden Ausnutzung der Ressource Natur und der Ressource Frau. Diese Basis unserer Entwicklung sei selbst von der Wissenschaft bisher übersehen worden. Carolyn Merchants Buch hat seit dem Erscheinen 1980 im englischsprachigen Raum großes Aufsehen erregt. In deutscher Übersetzung ist es nun auch bei uns erschienen.

Auf der Suche nach möglichen Auswegen aus den gegenwärtigen Dilemmata hat sich Merchant dem Beginn der neuzeitlichen Entwicklungen zugewandt und hat dort nach den Wurzeln des heutigen Übels gesucht. Schließlich habe sich zur Zeit der vielgerühmten kopernikanischen Wende nicht nur das Bild vom Himmel über uns, sondern auch von der Erde unter uns entscheidend gewandelt. Im Umfeld dieses historischen Wendepunktes untersucht Merchant sozialgeschichtliche Entwicklungslinien und breitet eine Fülle von Material zur Geschichte der technischen Neuerungen, der sozio-ökonomischen und philosophischen Verzahnungen aus. Dabei entdeckt sie zahlreiche bisher unbekannte oder unbeachtet gebliebene Zusammenhänge.

Bis zum Beginn der Neuzeit sei die Erde als ein lebendiger Organismus angesehen und nur mit Bedacht genutzt worden. Vom Abbau bis zur Veredelung sei man umsichtig mit den Ressourcen umgegangen. Schließlich schlachte man ja auch nicht „mir nichts dir nichts seine Mutter, wühlt in ihren Eingeweiden nach Gold und verstümmelt ihren Leib“. Genau das aber, stellt Merchant fest, habe die neue Zeit gebracht. Mit dem profitorientierten Bergbau sei das Bild von der „Mutter Erde“, das bis dahin als eine kulturelle Handlungshemmung gewirkt habe, im wahrsten Sinn des Wortes untergraben worden.

Dreh- und Angelpunkt der modernen Welt wird, so die Autorin, die Maschinentechnologie. Mit Windmühlen, Zahnrädern, Kränen, Pumpen, Schrauben und vielem anderen mehr sei gerodet, entwässert, Bergbau getrieben und so an der Einrichtung der neuen Zeit gewirkt worden. Mit dem naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt sei die Natur zunehmend als Störfaktor im reibungslosen Ablauf der Dinge erschienen. An die Stelle der nahrungspendenden Mutter trat das Bild von der Natur als der manifesten Gesetzlosigkeit, der man das Zaumzeug anzulegen trachtet. Diese neuen Entwicklungen haben laut Merchant auch im Leben des einzelnen Spuren hinterlassen. Mit der zunehmenden Technisierung seien die Städte gewachsen und mit ihnen wiederum sei die Natur in die Ferne gerückt. Indem Maschinen zum Kristallisationspunkt neuer Alltagserfahrungen wurden, gewannen sie auch im Leben des einzelnen an Bedeutung.

Um die geistigen Folgeerscheinungen besser zu verstehen, hat die Verfasserin die Leistungen der Begründer unserer Zeit, der Neuzeit, vor allem daraufhin untersucht, welchen Beitrag sie zur Ausbeutungsmentalität geleistet haben. So stehen Francis Bacon, René Descartes, Thomas Hobbes, Isaac Newton und andere auf dem Prüfstand. Aber auch Stimmen, die in dieser Zeit des Umbruchs andere Weltsichten formulierten, sich der Ausbeutungsmentalität widersetzten und alternative Philosophien entwickelten, werden dargestellt und ihr Schicksal untersucht. Vor dem Hintergrund der konkreten Veränderungen, die Merchant nicht nur sorgfältig recherchiert hat, sondern auch spannend darzustellen versteht, erscheinen die neuen geistigen Bewegungen, Begriffsmuster und menschlichen Verhaltensweisen als eine notwendige psychologische Anpassung an die veränderte Umwelt.

Während die Mechanisten in dieser Zeit die Uhr zum Symbol der kosmischen Ordnung erklären und Gott zu einer Art Uhrmacher bestallen, während Descartes den Menschen zu einem Räderwerk umdeutet, das mechanischen Gesetzen gehorcht und Hobbes den menschlichen Geist zum Sonderfall einer Maschine erklärt, schrumpft die Erde als altehrwürdiger Mittelpunkt zum Symbol antiquierten Denkens. Der Übergang vom geozentrischen zum anthropozentrischen Weltbild habe aber nicht nur die philosophisch unterfütterte Legitimation zur ohnehin schon stattfindenden Ausbeutung der Erde geliefert. Über die besondere Beziehung zwischen der Frau und der Natur lieferten die neuen Metaphern, so die Autorin, auch die Rechtfertigung zur Ausbeutung der Frau.