Die Rede von Christoph Hein auf dem X. Schriftstellerkongreß der DDR

Wir haben gestern viel Freundliches über uns gehört. Und wir haben, wo uns das nicht ausreichte, uns selbst gelobt. Das ist so korrekt wie verständlich: die eigenen Verdienste kennt jeder selbst am besten. Die gestrige Aufzählung unserer Erfolge noch im Ohr wollen wir uns heute mehr den Problemen der Wirkung unserer Arbeit zuwenden.

Der verratene Leser

„Die verschiedenen Empfindungen des Vergnügens oder des Verdrusses beruhen nicht so sehr auf der Beschaffenheit der äußeren Dinge, die sie erregen, als auf dem jedem Menschen eigenen Gefühle, dadurch mit Lust oder Unlust gerührt zu werden. Daher kommen die Freuden einiger Menschen, woran andere einen Ekel haben, die verliebte Leidenschaft, die öfters jedermann ein Rätsel ist, oder auch der lebhafte Widerwille, den der eine woran empfindet, was dem andern völlig gleichgültig ist. Das Feld der Beobachtungen dieser Besonderheiten der menschlichen Natur erstreckt sich sehr weit und verbirgt dennoch einen reichen Vorrat zu Entdeckungen, die ebenso anmutig als lehrreich sind. Ich werfe für jetzt meinen Blick nur auf einige Stellen, die sich in diesem Bezirke besonders auszunehmen scheinen, und auch auf diese mehr das Auge eines Beobachters als des Philosophen.“

Soweit Immanuel Kant. „Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen“ nennt Kant diesen Blick. Unser Jahrhundert beließ von diesem Vokabular ungekränkt lediglich das Wort „Beobachtung“. Bei dem „Gefühl“, dem „Schönen und Erhabenen“ zögern wir. Wir nennen das Thema sachlicher Literatur und Wirkung. Die Aufgabe für den Beobachter und Berichterstatter jedoch ist so unverändert wie die verschiedenen Wirkungen des gleichen, sie verursachenden Gegenstands, in unserem Fall der Literatur, des Buchs.

Und die Wirkungen sind, wie Immanuel Kant bemerkt, sehr viel weniger dem „äußeren Ding“, dem Buch geschuldet, als der Verfassung des Konsumenten, des Lesers. Die Wirkungen, die Literatur hervorruft, sind fast immer überraschend und häufig unvorhersehbar. Von den Wirkungen läßt sich nur bedingt auf das Buch schließen, aber unbedingt auf den Leser. Beifall und Ablehnung, Begeisterung und Langeweile, moralische und politische Wertungen offenbaren einiges über das jeweilige Buch, sie erhellen stets den Urteilenden. Die Literatur erregt die Wirkungen, doch diese bezeugen vor allem die Verfassung des Lesers, des Gemeinwesens. In der vergleichbar kurzen Zeitspanne von nicht einmal vierzig Jahren läßt sich anhand der Wirkungen, die Literatur auslöste, ein Bild der wechselvollen Verfassung unseres Staates, unserer Gesellschaft und der lesenden Bürger aufzeigen. Diese Wirkungen unterliegen vielfachen Beeinflussungen, werden modifiziert durch die Medien, die Moden, staatliche und gesellschaftliche Maßnahmen, die das eine hervorzuheben, das andere ungesehen wünschen, dennoch und gerade deshalb erhellt Literatur mit ihren Wirkungen auf eine einzigartige Weise den inneren Zustand einer Gesellschaft und ihrer Bürger.

Gewiß, Bücher verraten ihren Autor, Literatur offenbart weit mehr als ihren .Gegenstand ihren Verfasser. Literaten sind Exhibitionisten: Es ist nicht möglich, zu schreiben und sich bedeckt zu halten. Hier liegt eine der Wirkungen von Literatur begründet: Wir fühlen uns hingezogen, gefühls- und geistesverwandt mit dem oder jenem Autor, das veröffentlichte Werk macht uns einen verstorbenen Autor zum nahen Vertrauten.

Bücher haben ihre Schicksale, und diese beruhen allein auf ihren Wirkungen. Die Schicksale der Bücher erzählen von den Lesern, sprechen von ihrem Mut und ihrer Feigheit, ihrem Rückgrat oder Opportunismus, ihrem Kunstverständnis, ihrer Kultur und Bildung. Unabhängig vom literarischen, gesellschaftlichen und politischen Wert eines Buches geben uns seine Wirkungen Auskunft über seinen Leser. Die im Vergleich mit allen anderen Medien so unaufdringlich wirkenden Bücher entblößen ihren Leser.

Ein Buch kann nach unseren Erfahrungen erst einige Jahrzehnte nach seinem Erscheinen klar und sachlich beurteilt werden. Aber bereits mit seinem Erscheinen, mit den ersten Wirkungen, die das Buch auslöst, beurteilt es den Leser, offenbart ihn. Um so erstaunlicher ist daher der leichtfertige, arglose Umgang mit einem so argen Ding wie dem Buch, das mitleidslos und durch die von ihm bewirkte Selbstentblößung überzeugend und unwiderlegbar seinen Leser denunziert. Autoren können mitleidig, arglos, freundlich und nachsichtig sein, Bücher sind es nie. Sie verraten ihren Urheber, und sie verraten – mittels ihrer Wirkungen – den Leser.

Über die Sitzgelegenheiten unserer Verleger

Traditionell thronen Verleger auf den Abrechnungen ihrer Buchhaltung. Das ist ein bewährter, sicherer, jedenfalls unzweifelhafter Sitz. Von ihm aus gestaltet sich der Umgang mit Autoren problemlos: Die schwarzen und roten Zahlen unterstreichen oder widerlegen jede Ästhetik. Wer Bücher verkaufen will, wird den Bestseller nicht nur kaufmännisch, sondern auch literarisch schätzen. Und mit dem absehbaren, bereits eingeleiteten Ende der Verlage in der westlichen Welt, ihrem Verschwinden in wenigen marktbeherrschenden Buchkonzernen, wurde die Buchhaltung nicht allein der Thron des Verlegers, sie wird auch zum einzig maßgeblichen Lektor. Dann wird – eine Neuerung im alten Geschäft des Büchermachens – das Neo-Analphabetentum eine weitere, unerwartete Unterstützung erfahren.

Unsere Verleger sitzen anders auf ihren Stühlen. Sie sitzen allerdings auch auf anderen Stühlen.

Überrascht bemerkte ich, daß unsere Verleger auf Bücherstapeln sitzen. Diese Stapel bestehen nicht aus Ladenhütern, aus unverkäuflicher Ware – der Absatz ihrer Produkte ist die geringste Sorge unserer Verleger – diese Stapel bestehen aus Büchern der laufenden Produktion.

Bücherstapel sind eine sehr unbequeme und unsichere Sitzgelegenheit. Sie sind instabil, und so kann es keinen verwundern, wenn unsere Verleger, auf ihnen sitzend, gelegentlich wackeln oder – und auch das kam vor – von diesen Büchern zu Fall gebracht werden. Ich plädiere für bessere und stabilere Stühle in den Chefetagen unserer Verlage, möglichst keine Drehstühle, aber gesundheitsfördernde, also rückgratstärkende und auch rückgratschonende Sitzgelegenheiten.

Durch meine Arbeit hatte ich Gelegenheit, mehrere Verleger meines Landes kennenzulernen. Nicht mit allen konnte ich mich gütlich einigen, und es kam auch vor, daß ich mich mit einem überhaupt nicht einigen konnte. Aber alle diese Verleger sind Leute, die ihre Geschäft verstehen, mit Verstand und Herz aufopferungsvoll für ihre Bücher arbeiten, kämpfen und einstehen. Es ist nicht einer unter ihnen, der einer Aufsicht bedarf. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer, und ich bin überzeugt, daß die Mehrzahl meiner Kollegen, wenn nicht gar alle, dazu ebenfalls bereit sind.

Das Genehmigungsverfahren, die staatliche Aufsicht, kürzer und nicht weniger klar gesagt: die Zensur der Verlage und Bücher, der Verleger und Autoren ist überlebt, nutzlos, paradox, menschenfeindlich, volksfeindlich, ungesetzlich und strafbar. Ich werde das im folgenden begründen:

Die Zensur ist überlebt. Sie hatte ihre Berechtigung in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als der deutsche Faschismus von den Alliierten militärisch vernichtet, aber die geistige Schlacht um Deutschland, um die Deutschen damit noch nicht entschieden war. Damals hatte die Zensur, ähnlich den Lebensmittelmarken, die Aufgabe, den allgemeinen Mangel zu ordnen, das Chaos zu verhindern und die Aufbauarbeit zu ermöglichen. Zudem begünstigte die damalige historische Situation die Existenz einer Zensur, also das, was unsere neuere Geschichtsschreibung mit den seltsam verwaschenen Formulierungen „jene tragischen Ereignisse der dreißiger Jahre in der Sowjetunion“ und „zeitweilig aufgetretene Verletzungen der Leninschen Normen des Parteilebens“ eher zu verdecken versucht, als zu benennen. Die Zensur hätte zusammen mit den Lebensmittelmarken Mitte der fünfziger Jahre verschwinden müssen, spätestens im Februar 1956.

Die Zensur ist nutzlos, denn sie kann Literatur nicht verhindern, allenfalls ihre Verbreitung verzögern. Wir haben es wiederholt erlebt, daß nicht genehmigte Bücher Jahre später die Genehmigung erhalten mußten. Und daher wissen wir alle, daß Bücher, die uns heute noch nicht zugänglich sind, etwa einige der Bücher von Stefan Heym oder die von Monika Maron, in DDR-Verlagen erscheinen werden.

Die Zensur ist paradox, denn sie bewirkt stets das Gegenteil ihrer erklärten Absicht. Das zensierte Objekt verschwindet nicht, sondern wird unübersehbar, wird selbst dann zum Politikum aufgeblasen, wenn Buch und Autor dafür untauglich sind und alles andere zu erwarten und zu erhoffen hatten. Die Zensur erscheint dann lediglich als ein umsatzsteigernder Einfall der Werbeabteilung des Verlages.

Die Zensur ist menschenfeindlich, feindlich dem Autor, dem Leser, dem Verleger und selbst dem Zensor. Unser Land hat in den letzten zehn Jahren viele Schriftsteller verloren, unersetzliche Leute, deren Werke uns fehlen, deren Zuspruch und Widerspruch uns bekömmlich und hilfreich war. Diese Schriftsteller verließen gewiß aus sehr verschiedenen Gründen die DDR. Einer der Gründe, weshalb diese Leute und ihr Land einander vermissen – das eine weiß ich, das andere vermute ich: denn wie die Engländer sagen: „You can take the boy out of the country, but you can’t take the country out of the boy“ – einer der Gründe heißt Zensur.

Und der Autor, dem es nicht gelingt, aus seiner Arbeit die ihr folgende Zensur herauszuhalten, wird gegen seinen Willen und schon während des Schreibens ihr Opfer: Er wird Selbstzensur üben und den Text verraten oder gegen die Zensur anschreiben und auch dann Verrat an dem Text begehen, da er seine Wahrheit unwillentlich und möglicherweise unwissentlich polemisch verändert.

Den Leser entmündigt die Zensur. Er kann ihr folgen und die Beschränkungen akzeptieren oder ihr widerstehen und sich ihr mit dem dann nötigen größeren Aufwand entziehen, um das nicht genehmigte Buch zu lesen. In jedem Fall ist seine Wahl von der Zensur bestimmt.

Die Zensur zerstört den Verleger, sie zerstört seine Autorität, seine Glaubwürdigkeit. Sie verbietet es dem Verleger, Verleger zu sein, da sie ihm nicht erlaubt, das Programm seines Verlages zu bestimmen. Welche Weisheit zeichnet eigentlich jene Leute aus, die Druckgenehmigungen erteilen oder nicht, daß sie sich anmaßen, einem ausgewiesenen und befähigten Menschen – denn anders wäre ein Verleger bei uns nie Verleger geworden – Vorschriften zu machen? Die Zensur verkürzt das Vokabular des Verlegers, sie verkürzt es um das gewichtige Wort: Nein. Ein Verleger muß das Recht haben, nein zu sagen, nein zu einem Manuskript, nein zu einem mit seinem Verlag nicht zu vereinbarenden Programm. Solange aber eine vom Verleger unabhängige und ihn bestimmende Zensur existiert, verbietet sich das Nein eines Verlegers, ist es unsittlich und unmoralisch.

Und die Zensur zerstört den Zensor. Der kunstsinnigste Mensch wird in der Funktion, Genehmigungen zu erteilen oder zu verhindern, zum Büttel. Sein Blick, seine Sinne verengen sich notwendigerweise in dem Bemühen, Mißfälliges aufzufinden. Und wie so mancher Kollege habe ich Beispiele erlebt, wie dieser verengte Blick unsinnige Interpretationen, absurde Verdächtigungen und zweideutige Mißverständnisse produzierte, die eindeutigen Aussagen unterschoben wurden.

Die Zensur ist volksfeindlich. Sie ist ein Vergehen an der so oft genannten und gerühmten Weisheit des Volkes. Die Leser unserer Bücher sind souverän genug, selbst urteilen zu können. Die Vorstellung, ein Beamter könne darüber entscheiden, was einem Volk zumutbar und was ihm unbekömmlich sei, verrät nur die Anmaßung, den Übermut der Ämter.

Die Zensur ist ungesetzlich, denn sie ist verfassungswidrig. Sie ist mit der gültigen Verfassung der DDR nicht vereinbar, steht im Gegensatz zu mehreren ihrer Artikel.

Und die Zensur ist strafbar, denn sie schädigt im hohen Grad das Ansehen der DDR und kommt einer „öffentlichen Herabwürdigung“ gleich.

Das Genehmigungsverfahren, die Zensur muß schnellstens und ersatzlos verschwinden, um weiteren Schaden von unserer Kultur abzuwenden, um nicht unsere Öffentlichkeit und unsere Würde, unsere Gesellschaft und unseren Staat weiter zu schädigen.

Die Verleger meines Landes bedürfen keiner beamteten Aufsicht. Hilfe der Behörden benötigen sie allenfalls bei ihrer Suche nach freien Druckkapazitäten und Papier. Sie müssen souveräne Leiter ihrer Verlage sein dürfen, für die Öffentlichkeit arbeitend und öffentlich kritisierbar. Aber sie müssen die Chance haben, wirkliche Verleger zu sein, also nicht Jahr für Jahr und bei jedem inhaltlich und formal wirklich neuen Buch ein Stuhlbeben befürchten zu müssen.

In den meisten westlichen Ländern vollzieht sich zur Zeit eine aus wirtschaftlichen Gründen diktierte Konzentration des Verlagswesens und des Buchhandels. Bereits heute absehbar ist, daß in naher Zukunft sämtliche größeren und großen Verlage in jedem westlichen Land sich im Besitz von wenigen Konzernen befinden. Aus heutiger Sicht werden es international wirkende Konzerne sein, so daß der gesamte Buchmarkt in den kapitalistischen Ländern von vielleicht vier oder fünf Konzernen beherrscht wird. Es wird dann noch Bücher geben, aber die Buchhandlungen werden durch Buch-Warenhäuser mit Bestseller-Mentalität, Billigangeboten und Ramschverkäufen ersetzt; aussterben wird der Verleger, ihn ersetzt ein Buchhalter; aussterben wird die Literatur, die Belletristik, die vom Sachbuch und Bestseller verdrängt wird; aussterben wird ein wichtiger Teil der Kultur, ein so wichtiger Teil, daß die Kultur Westeuropas insgesamt gefährdet sein wird. Diese Entwicklung wird von Klein- und Kleinstverlagen nicht abgefangen werden können, zumal diese Kulturverluste von der betroffenen Gesellschaft nicht als Verlust begriffen werden. Hier entsteht für die nichtkapitalistischen Länder eine Verpflichtung, sie werden – um der Kultur der Menschheit willen – auch für jene Kultur verantwortlich sein, die das Kapital mangels ausreichender Verwertbarkeit vernichtet.

Den sozialistischen Ländern droht dieser Ruin einer Kultur nicht, und es gibt, ungeachtet der Probleme, die bei uns noch ungelöst sind, keinen Anlaß, dies für die Zukunft zu befürchten.

Mich beunruhigt eine andere Erscheinung: Vor mehr als zwei Jahrzehnten gab es bei uns, aus völlig anderen Gründen, eine Konzentration unserer Verlage. Mehrere Verlage wurden zusammengelegt, existieren zum Teil nur noch pro forma und als Bestandteil anderer Verlage; andere Verlage wurden aufgelöst. Ich zweifele nicht daran, daß es dafür wichtige, vermutlich wirtschaftliche Gründe gibt. Aber ebenso unzweifelhaft hat diese Konzentration unsere Verlagslandschaft und damit den Reichtum unserer Literatur reduziert. Die Verlage wurden zum Teil schwerfällige, kaum überschaubare Monopole, ein Alptraum für Verleger, für die ein Verlag ohne ein prägendes Programm undenkbar ist. Die Autoren haben nur noch eingeschränkte Möglichkeiten, einen Verlag zu wählen. Sie können sich kaum gegen einen Verlag behaupten, da sie selten eine Alternative haben.

Am fortgeschrittensten ist dieser Prozeß bei der Dramatik. Den Stückeschreibern, im Ensemble der literarischen Künste unseres Landes aus anderen Gründen ohnehin stark benachteiligt, steht ein einziger Bühnenvertrieb zur Verfügung. Die Dramatiker können nur beten, daß in diesem einzigen Bühnenvertrieb weiterhin gute und vernünftige Leute arbeiten und auch für sie zu arbeiten bereit sind. Die Dramatiker können arbeiten und beten; andere Möglichkeiten haben sie nicht, denn mit einem Monopol läßt sich bekanntlich nicht diskutieren.

Diese Konzentration des Verlagswesens sollte endgültig gestoppt werden, und wir sollten darüber ins Gespräch kommen, wie wir Teile dieser fatalen Entwicklung rückgängig machen können. Denn wo es bereits nur noch einen Verlag für Bühnenwerke gibt, ist es vorstellbar, daß es eines Tages auch für Prosa, Lyrik, Essay und Kinderbuch nur noch je einen Verlag gibt. Diese Vorstellung sollte nicht nur uns Autoren schrecken. In jedem Dorf, sagte Arno Schmidt, muß es zumindest zwei Garküchen gehen; kocht nur eine, wird das Essen bald ungenießbar sein. Ich denke, keiner von uns ist so glücklich, die Schrecken dieser Abart von Gastronomie nicht erfahren zu haben.

Ein Dank an die Presse

Ich danke unserer Presse und unseren Medien für ihre Arbeit, die die Wirkung unserer Literatur maßgeblich ermöglichen.

Die DDR wird gelegentlich als ein Leseland bezeichnet. Und wenn man die Zahlen der Auflagen und Auflagenhöhen liest, wenn man die stets überfüllten Buchhandlungen und sich schnell leerenden Regale sieht, ist man geneigt, dieser Bezeichnung zuzustimmen. Das ist, bei aller erwiesenen Qualität, jedoch nicht das Verdienst unserer Literatur, sie ist nicht besser und nicht schlechter als die anderer Länder. Auch wird bei uns nicht mehr und nicht weniger als in anderen Ländern gelesen. Es werden hier jedoch weit mehr als in anderen Ländern Bücher gelesen. Die korrekte Bezeichnung wäre also: Buchleseland.

Das Verdienst dafür gebührt unserer Presse, unseren Medien. Ihre Zurückhaltung in der Berichterstattung und der verläßliche Konsens ihrer Meinungen führte dazu, daß kaum ein Bürger unseres Landes mehr als ein paar Minuten sich mit ihnen zu beschäftigen hat. Der Leser wird durch Neuigkeiten nur für kurze Zeit abgelenkt und kann sich dann wieder unseren Büchern zuwenden, von denen er nicht nur Unterhaltung und Geschichten, sondern auch Neues und Wahres erhofft.

In den Ländern östlich und westlich unserer Grenzen beschäftigen Zeitungen, Zeitschriften und Medien das Publikum, halten sie mit Tagesnachrichten von einer sicher gewichtigeren Lektüre, der des Buches, ab. Wir Autoren haben also Grund, unserer Presse dankbar zu sein.

Aber fehlende oder doch unzureichende Berichterstattung und das Ausbleiben öffentlicher Auseinandersetzungen zu unseren öffentlichen Angelegenheiten in Presse und Medien schädigt und zerstört die politische Kultur unseres Landes. Wer sich für unsere Gesellschaft engagiert und für ihre Entwicklung, muß über diesen Verlust tief besorgt sein. Presse und Medien haben nicht nur Nachrichten zu vermitteln: sie müssen ein Transmissionsriemen sein, sowohl zwischen oben und unten wie unten und oben, zwischen Gesellschaft und Staat, zwischen der Masse und der gewählten Leitung. Ist diese Vermittlung einseitig, wird nichts mehr vermittelt, in keiner Richtung.

Eine Agitation und Propaganda, die die Massen nur zu belehren glaubt und unfähig ist, sich von den Massen belehren zu lassen, wird erfolglos bleiben müssen. Wer nicht zuzuhören versteht, verlernt erfahrungsgemäß auch bald, sich verständlich zu machen. Wenn Auseinandersetzungen und Entscheidungen hinter verschlossenen Türen stattfinden, kann man für die so getroffenen Entscheidungen nicht mit einem aufgeschlossenen Publikum rechnen. Beste und unzweifelhaft gute Entscheidungen werden durch fehlende öffentliche Auseinandersetzungen und durch den Verzicht auf die Weisheit des Volkes zweifelhaft und schwer annehmbar. Eine einseitig vermittelnde Presse, eine Presse, die nur eine erwünschte Realität vermittelt, die aus der vorhandenen Meinungsvielfalt und von den vorhandenen Lösungsvorschlägen zu gesellschaftlichen Fragen und Problemen allein die ihr opportunen heraussucht und öffentlich macht, beraubt sich selbst der Wirkung, macht Agitation und Propaganda unglaubwürdig, muß die Erfahrung machen, paradox zu wirken. Dann kann – um bei der Literatur zu bleiben – ein Zeitungslob für ein Buch vernichtend sein, ein Verriß aber zu einem Sturm auf die Buchhandlungen führen.

Auch in unserer Gesellschaft gibt es natürlich kontroverse Ansichten und Meinungen zu den verschiedensten gesellschaftlichen Erscheinungen. Sie öffentlich zu machen, sie öffentlich zu diskutieren, würde allen helfen, die beste Lösung zu finden, würde die gefundene Lösung akzeptierbarer machen und der Entwicklung unserer Gesellschaft nützen. Die verschlossene Tür aber ist nicht nur ein Symbol für fehlende Öffentlichkeit, sie ist notwendigerweise auch das Zeichen einer verhinderten Öffentlichkeit, einer eingeschränkten Gesellschaft.

Kann es der Gesellschaft, dem Leser oder dem Autor wirklich helfen, wenn die Wirkung von Literatur durch vorgegebene Richtlinien für Rezensionen eines Buches kanalisiert werden? Wem oder was soll es helfen, wenn Rezensionen zu bestimmten Büchern nicht erscheinen können oder wenn Werke der Literatur durch einen zentralen Beschluß nicht rezensiert werden dürfen? Ganz gewiß hilft es nicht der Entwicklung unserer Gesellschaft.

Eine Presse, die nicht öffentlich arbeitet, die nicht von einer realen, sondern allein von einer erwünschten Wirklichkeit berichtet, verzichtet nicht nur auf die ganze Wahrheit, sie wird insgesamt unglaubwürdig und beraubt sich der Möglichkeit zu wirken. Denn die beste, nachhaltigste und erfolgreichste Propaganda war noch nie die opportune Halbwahrheit, sondern stets die vollständige, kontroverse, manchmal schmerzliche Wahrheit.

Das alte Lied: Literaturwissenschaft und Kritik

Wenn wir über Literatur und Wirkung zu sprechen haben, ist auch ein Wort zur Literaturwissenschaft und zur Literaturkritik am Platz. Aber ich zögere, ich fürchte, mich zu wiederholen. Zu vieles von dem, was vor Jahren und Jahrzehnten, selbst vor Jahrhunderten dazu gesagt wurde, ist nach wie vor gültig und nach wie vor uneingelöst. Geblieben ist auch die auf beiden Seiten, bei Literaten wie Kritikern, zu bemerkende Gereiztheit, sobald einer von ihnen über den anderen spricht. Offenbar sind die Positionen unvereinbar.

Lassen Sie mich deshalb nur an Fühmanns Rede auf dem VII. Kongreß erinnern, an die dort von ihm vorgetragenen 27 Thesen zur Kritik. Zwei Punkte will ich hinzufügen:

1. Autoren wissen, daß sie, was und wie immer sie schreiben, vor allem über sich schreiben. Mit ihrem Blick auf den Gegenstand ihrer Arbeit offenbaren sie vor allem sich selbst. Kritikern ist, meiner Beobachtung nach, entgangen, daß sie ähnlich den Autoren willentlich oder auch unwillentlich vor allem von sich erzählen. Literaturkritik, Kunstkritik zu zeitgenössischen Werken kann bekanntlich keine Wissenschaft sein. Eine Wissenschaft hat Normen, Leitsätze, überprüfbare Kriterien, ein System unumstößlicher Wahrheiten, die ab und zu umgestoßen werden. All das, mit Ausnahme des letzten, fehlt selbstverständlich bei der Betrachtung neuer, entstehender Kunst. Gäbe es dafür bereits eine wissenschaftliche Betrachtungsweise, könnte man gültige Regeln ableiten, sie einem Computer eingeben und diesem die Kunstproduktion überlassen. Aber diese Regeln und Kriterien fehlen, wir haben sie nur für die Kunstwerke früherer Zeiten, aus denen wir sie ableiten und mit denen wir lediglich Verlängerungen produzieren könnten.

Bei der Betrachtung neu entstehender Kunst fehlt die Sicherheit, die Wissenschaft zu bieten hat. Der Kritiker zeitgenössischer Werke ist unberaten, und seiner Ratlosigkeit hilft er gelegentlich mit der Vehemenz des Urteils auf. Was er verkündet, ist und kann nicht mehr sein als lediglich seine Meinung. Und diese Meinung kann uns manchmal etwas vom Kunstwerk erzählen, immer aber über die Person, über den Kritiker. Die arroganteste, dümmlichste Kritik taugt immer noch als Offenbarungseid des Kritikers. Er erzählt in Inhalt und Stil vor allem über sich selbst. Kritiker haben, anders als Autoren, dies bisher nicht wahrhaben wollen.

2. In den letzten zehn Jahren fiel mir bei den in unserem Land veröffentlichten Kritiken auf, daß sich die Kritik nahezu ausschließlich mit dem Inhalt der rezensierten Werke beschäftigt. Kritiken, die auch die Form berücksichtigen, sind eine seltene Ausnahme geworden. Ich halte das für eine fatale Beschränkung. Wirklich neue Werke haben auch eine neue Form; wenn man diese vernachlässigt und nicht wahrnimmt, muß das zwangsläufig zu Fehlinterpretationen des Inhalts führen. Eine Inhaltsangabe mit anschließender moralischer Wertung ist alles mögliche, aber keine Rezension. Daß die Form eines Werkes sich schwieriger erschließt als sein Inhalt, ist eine alte Wahrheit; diese Schwierigkeit entbindet jedoch den Kritiker nicht von der Pflicht, es zumindest zu versuchen. Als Beispiel für eine Fehlinterpretation, die sich durch mangelndes Verständnis für die Form zwangsläufig ergab, könnte ich Brauns „Hinze und Kunze“-Roman nennen. Aus aktuellem Anlaß will ich ein jüngeres Beispiel dieser Art Dummheit bei der Betrachtung eines Kunstwerks anführen:

In den letzten Wochen las ich in zwei Zeitungen Rezensionen des sowjetischen Films „Die Reue“. Das sich bei beiden Kritikern offenbarende Unverständnis für die groteske Form des Films führte sie zu einem totalen Mißverstehen des gesamten Films. Offensichtlich fehlt diesen Kritikern das einfachste Handwerkszeug ihres Berufes. Und es verschlimmert den argen Zustand der Kritik, wenn dann – bedingt durch den fehlenden Sachverstand – mit Worten wie „Geschichtspessimismus“, „ethischer Nihilismus“, „Weltverdruß“, „Denunziation“, „Fatalismus“ losgeprügelt wird, also mit den, wie Heiner Müller sagt, „Lieblingsvokabeln verhinderter Zensoren, aus denen sich die akademische Journaille heute wie gestern rekrutiert“. Die Kritik selbst ist grotesk, da sie bei dem genannten Film eben das vermißt, was überreich in ihm vorhanden ist, nämlich: Engagement, Verantwortung für die Gesellschaft, sozialistischer Humanismus, eine wahrhaft kommunistische Haltung bei der notwendigen Aufarbeitung unserer Geschichte. Denn so unerbittlich genau und unbeirrt kann nur ein Künstler arbeiten, der trotz der Verbrechen der Stalinzeit die Hoffnung auf den Kommunismus als einziger humanen Alternative nicht aufgab.

Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, die Ausbildung unserer Kritiker zu verbessern. Vielleicht könnte ein Befähigungsnachweis das Schlimmste abwehren. Ich denke, es ist nicht ehrenrührig, wenn einer unfähig ist, Kritiker zu sein, es gibt andere Berufe. Jede Volkswirtschaft braucht auch einen Bock, nur sollte sie ihn nicht als Gärtner einsetzen.

Und ich hoffe, daß der Film bald in unseren Kinos vorgeführt wird, denn nicht alle konnten oder wollten ihn im westdeutschen Fernsehen und nicht alle konnten ihn wie ich im Haus der sowjetischen Kultur sehen. Nach diesen Rezensionen ist der Progress-Filmverleih verpflichtet, ihn einzusetzen; das verlangt die politische Moral unseres Landes, der durch diese Art von Kritik Schaden zugefügt wurde.

Ich wollte jetzt über jene Klippschule sprechen, in die noch immer einige Literaturwissenschaftler und Philosophen, selbsternannte Oberlehrer der Nation, uns, Leser und Autoren, zu setzen versuchen; ich wollte über Harichs Nietzsche-Artikel sprechen. Aber Hermann Kant und vor allem Stephan Hermlin haben gestern dazu das vorerst Nötige gesagt. Wir benötigen nicht das Erbe und die Erben Stalins und Shadonows. Nietzsches Werk jedoch bedarf einer kritischen, sehr kritischen Prüfung. Voraussetzung dafür aber ist die überfällige und gleichfalls kritische Ausgabe seiner Arbeiten. Wenn Harichs verspäteter Versuch einer erneuten Säuberung letztendlich dies bewirkt, sei er schon heute bedankt.

Unsere Gesellschaft hatte und hat einige Schwierigkeiten, mit Widersprüchen zu leben, sie zu akzeptieren. Gewöhnlich werden allenfalls nichtantagonistische Widersprüche anerkannt, also jene, die sich allein unter den Teppich kehren, wenn man sie nur betrachtet. In den letzten zehn Jahren aber hat selbst die Philosophie bemerkt, was dem Volk aus praktischer Anschauung immer bekannt war: Auch die sozialistische Gesellschaft hat wie jede Gesellschaft ihre unlösbaren Widersprüche, die mit der Gesellschaftsform untrennbar verbunden sind und die nur mit der Veränderung der Gesellschaft aufhebbar sind. Wir haben zu lernen, mit ihnen umzugehen, ihre Bewegungen auszuhalten, und mehr noch: diese teilweise schmerzlichen Widersprüche im Interesse der Entwicklung unserer Gesellschaft zu nutzen.

Vielleicht ist das Verhältnis von Literatur und Literaturkritik, von Autor und Kritiker, ein allen Gesellschaften eigener antagonistischer Widerspruch. Die Geschichte scheint das jedenfalls zu belegen. Vielleicht müssen wir lernen, damit zu leben, als Hund und Katze. Und vielleicht sollten wir mit diesem mißlichen, aber doch möglichen Verhältnis zufrieden sein. Denn wenn wir nicht mehr wie Hund und Katz miteinander auskommen, schwierig miteinander auskommen, dann bleibt uns möglicherweise nur noch eine Beziehung wie die zwischen Katz und Maus. Das würde dann schnell jeden Widerspruch lösen. Aber da unsere Literaturgesellschaft auch diese Erfahrung machen mußte, sollten wir ein solches Verhältnis wegen dieser Erfahrung für alle Zukunft verhindern.

Über die Stille auf unseren Bühnen

Nun wäre über die Wirkungen unserer Literatur auf unser Theater zu sprechen. Aber was da zu vermelden ist, sind allein Klagen. Auf jedem Schriftstellerkongreß, in jedem Gespräch mit einem Dramatiker wird der gegenwärtige Zustand als unhaltbar bezeichnet, und Jahr für Jahr klagen stereotyp die Theaterkritiker über das fehlende Engagement unserer Theater für unsere Dramatik. Der unhaltbare Zustand aber dauert an. Unhaltbare Zustände neigen dazu, sich endgültig zu etablieren. Und statt über fehlende Wirkungen zu sprechen, wäre es angemessener, Sie aufzufordern, sich von Ihren Plätzen zu erheben und mit einer Minute des Schweigens unserer Dramatik zu gedenken.

Immer wieder gab es Versuche der Dramatiker, des Bühnenverlages, des Ministeriums, den neuen Stücken eine den anderen literarischen Genres vergleichbare Chance zu geben. Bislang war alles vergeblich.

Im Juni dieses Jahres wurde von Theaterautoren, unter ihnen so namhafte Leute wie Helmut Baierl, Peter Hacks und Heiner Müller, in den Räumen der Akademie der Künste eine Arbeitsgruppe gebildet, die einige „Maßnahmen zur Einleitung einer Genesung des Verhältnisses zwischen DDR-Dramatik und DDR-Theater“ erarbeitete mit der Absicht, alle DDR-Dramatiker zu vertreten. Ich zitiere aus diesem Papier eine einzige Forderung, sie erhellt besonders deutlich den gegenwärtigen Zustand: „Bestallung eines verantwortlichen Zensors mit Begründungspflicht; Erlaß einer Zensurprozeßordnung“.

Das heißt, während die anderen Genres einen Fortschritt in der Abschaffung der Zensur sehen, fordern die Dramatiker sie für sich, jedoch eine offene, durchsichtige, beweisfähige, diskutierbare Zensur.

Allerdings befürchte ich, daß eine Zensurprozeßordnung wenig ändern wird, wenn selbst eine erfolgte zentrale Genehmigung für ein Bühnenmanuskript folgenlos bleibt. Die für so viele Stücke unüberwindliche Hürde ist das Theater. Als lokales Kulturhaus untersteht es lokalen Behörden, denen die zentrale Entscheidung wenig bedeutet und die das Manuskript erneut prüfen.

Die Kollegen, die mit dem Theater weniger vertraut sind, bitte ich, sich vorzustellen, ihr gedrucktes, fertiges Buch wird von jedem Bezirk, jedem Kreis, jeder Stadt erneut daraufhin geprüft, ob es in den Buchhandlungen ihres Zuständigkeitsbereiches verkauft werden darf.

So lange nicht der Intendant für seinen Spielplan zuständig ist,

so lange Stücke, über die man sich streiten kann, in den verschiedenen Schubläden des Ministeriums oder der Bezirksleitungen oder der örtlichen Behörden oder der Theater bleiben, bis sie zur Unstrittigkeit gealtert sind,

so lange ein Intendant mit der Produktion neuer Stücke seine Position gefährdet und nicht wie ein Leiter anderer Produktionsbetriebe genötigt wird, innovativ auch bezüglich der Stücke und Spielpläne zu arbeiten und es wie bei anderen Direktoren zu seinen Pflichten gehört, die Produktion neuer Stücke durchzusetzen,

so lange es dem Intendanten erlaubt und sogar bekömmlicher ist, allein aufs Bewährte zu setzen und die unaufhörliche Verlängerung,

so lange nur Stücke, die so lustig wie problemlos sind, ohne Schwierigkeiten auf unsere Bühnen kommen, aber es unüberwindbare Probleme gibt, wenn ein Stück weniger lustig ist oder gar zum Streit anregt,

so lange werden wir vielleicht ein unterhaltsames Theater haben, aber kein Theater als öffentliches Forum, kein Theater der Gegenwart.

So lange werden wir weiter Boden verlieren, jenen Boden, auf dem als eine der schönsten und der unzweifelhaftesten Früchte unserer Zivilisation unsere Kultur gedeihen kann. So lange werden die Regisseure die Theaterautoren aufsuchen, um sie nach einer Bühne zu fragen, auf der sie dieses oder jenes Stück inszenieren können, da es in ihrem eigenen Theater nicht möglich ist. Aber so lange haben die Theater auch jedes Recht verloren, sich auf die deutschen Dramatiker von Lessing bis Büchner zu berufen, auf jene Dramatiker also, die zu Lebzeiten gleichfalls vom Theater ausgeschlossen waren.

Natürlich, es gibt Aufführungen neuer Dramatik, aber es gibt kein Theater, das sich kontinuierlich für die nationale Dramatik oder einen unserer Dramatiker einsetzt. Das unterscheidet unser Theater von dem unserer Nachbarländer, und das ist nicht die Schuld unserer Theaterleute.

Theater ist ohne Engagement nicht denkbar, ein öffentliches Engagement, ein politisches Engagement, ein Engagement für die eigene Zeit. Das schließt ein Engagement für die Werke der zeitgenössischen Autoren ein. Keiner unserer Buchverlage, der nicht ein außerordentliches und beispielgebendes Engagement für seine Autoren zeigt, die lebenden wie die toten. Unsere Theater sind einseitiger engagiert.

Die heutige Zurückhaltung der Bühnen für die DDR-Dramatik und DDR-Dramatiker hat einen Grund in der immer wieder erfolgten Maßregelung und Zerstörung jener förderlichen Verbindungen zwischen Autor und Theater, die es einmal – nicht generell, aber hier und – in unserem Land gegeben hat. Ich erinnere an Wolfgang Langhoffs öffentliche Entschuldigung im April 1963, ein erschütterndes Zeugnis für ein zerstörtes Engagement. Ich denke, das Theater hat aus verständlichem Selbsterhaltungstrieb dieses Engagement fallengelassen. Die wenigen Theater, die heute noch mit einem Autor verbunden sind, nutzen ihn offenbar nur noch als schmückendes Aushängeschild: Die praktische Arbeit bleibt aus. Das ist kein Engagement für Autoren, man hat sie lediglich engagiert.

Wenn ich ungefragt jungen Dramatikern einen Rat geben darf: Schreiben Sie Prosa, unsere Buchverlage werden sich für Sie engagieren. Schreiben Sie Prosa, oder lernen Sie beizeiten die demütige Haltung des Bettlers.

Last and least: der Autor

Die Wirkungen und Rückwirkungen von Literatur auf den Autor sind vielfältig und widersprüchlich. Sie bewirken Erfahrungen und das Ende aller Erfahrungen, da mancher Autor nur noch jenen Teil der Welt wahrnimmt, der bereit ist, ihn selbst wahrzunehmen; sie bewirken Selbstbewußtsein und Zweifel an dem Wert der eigenen Arbeit, Kollegialität und Neid, berechtigten Stolz und stets unberechtigte Eitelkeit. Aber das sind jahrhundertealte Wirkungen von Literatur, und darüber müssen wir nicht reden, zumal der große Karl Kraus sie in die bösen und für alle Autoren tröstlichen Worte faßte: Wenn ein Stück Erfolg hat, freut sich einer, der Autor; wenn es ein Mißerfolg ist, freuen sich alle.

Ich sprach vorhin davon, daß man mit einigem Recht die DDR ein Buchleseland nennen kann. In anderen Ländern liest man sehr viel mehr und manchmal, so scheint es, ausschließlich Zeitungen und Zeitschriften. Nur sehr wenige Länder, wie zum Beispiel neuerdings die Sowjetunion, kann man als ein Leseland für Buch und Zeitungen bezeichnen. Es hat sich dort offenbar etwas verändert, was ein höherer Moskauer Funktionär mit den Worten beschrieb: „Man schlägt am Morgen die Zeitung auf und weiß nicht, was drin steht.“

Für Autoren ist es durchaus eine zweischneidige Angelegenheit, in einem Land zu leben, das vor allem Bücher liest. Die schöne Seite ist bekannt, das sind vergleichsweise hohe Auflagen, ständig und schnell vergriffene Bücher, eine hohe Wertschätzung ihrer Urheber, ein – zumindest außerhalb von Presse und Medien – nicht abreißendes Gespräch über Bücher und ihre Themen.

Problematischer ist die hohe und, wie ich meine, zu hohe Bedeutung, die man hierzulande Autoren beimißt. Man neigt dazu, sie auf einen Sockel zu heben und dem Schriftsteller eine übergroße Autorität zu verleihen. Auf einem Sockel aber läßt sich nicht arbeiten, weil auf ihm keine Erfahrungen zu machen sind, ohne die unsere Arbeit nicht möglich ist.

Denn Schriftsteller sind, denke ich, Chronisten. Schreiben ist nach meinem Verständnis dem Bericht-Erstatten verpflichtet. Natürlich ist es die Chronik eines Schriftstellers, sie ist nicht objektiv, sondern sehr viel mehr: Sie ist eingreifend und realistisch und phantastisch und magisch, Poesie eben. Eine Chronik, die von einem Menschen, dem Schriftsteller, und seiner Welt erzählt und nur dann und nur dadurch von Interesse ist. Dafür sind Erfahrungen die Voraussetzung. Und für Erfahrungen ist ein Sockel oder Thron im 20. Jahrhundert bekanntlich ungeeignet, dort macht man Erfahrungen nur aus zweiter Hand, second band bestenfalls.

Der Sockel, von dem ich spreche, besteht aus massiven Gründen, die auszuräumen überfällig ist. Einmal ist es die fehlende beziehungsweise unzureichende Presse, die das Publikum dazu bringt, vom Schriftsteller das Fehlende zu fordern. Eine Erwartung, die zu erfüllen für die Literatur vielleicht ehrenhaft ist, aber auch ebenso unbekömmlich. Literatur kann und soll und darf nicht Ersatz von Publizistik sein.

Ein anderer Grund ist eine andere Presse, die von Schlagzeilen lebt und daher – da es seit der Erfindung der Presse nur zwei Schlagzeilen gibt, nämlich: Der König ist tot, und Es lebe der König – sich unentwegt darum müht, zu krönen und zu köpfen. Und mag für den Autor auch das eine behaglicher sein als das andere, tödlich ist ihm beides. Ein Thron aus Zeitungspapier und den Drähten der Medien ähnelt schon äußerlich einem Schafott.

Der dritte massive Grund ist der unaufgeklärte Leser, der es sich in seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit behaglich einrichtet und den Autor benötigt als Chorführer und Mentor, als Unterschlupf und Obdach. Aber wenn wir eine öffentliche Kultur haben wollen, eine Kultur der Öffentlichkeit, müssen wir auf Lebensweisheiten wie „Hannemann, geh du voran, du hast die größeren Stiefel an“ verzichten lernen.

Sich einerseits hinter einer anderen Person, einem lebenden oder toten Autor, zu verstecken und andererseits Öffentlichkeit zu fordern – das macht keinen Reim. Das Problem zeigt sich im Zitat: Das Zitieren, das Verwenden fremder Gedanken, beweist sowohl Bildung, Kultur und Belesenheit wie auch geistiges Phlegma. Das Zitat hat unsere Meinung zu kräftigen oder gar zu beweisen, es soll unser schwaches Rückgrat stärken, aber es ist auch der Verzicht auf die eigene geistige Leistung, auf die eigene und offen vorgetragene Haltung.

Eine weitere Bemerkung zur Literatur und ihren Wirkungen auf den Autor wurde mir erst möglich, seitdem der Reiseverkehr auch in westliche Länder für die Bürger meines Landes sich beginnt zu normalisieren. Die bislang erreichten, gewährten oder erkämpften Ausnahmen – etwa für Künstler, für Schriftsteller – sind, was immer sie auch bedeuten, Privilegien. Und Privilegien sind Krebsgeschwüre einer sozialistischen Gesellschaft, denn sie schaffen Klassen, die sich durch Vorrechte unterscheiden, die durch Ausnahmen voneinander getrennt sind, denen durch Sonderrechte eine Verständigung erschwert wird. Privilegien vernichten eben damit jene Öffentlichkeit, die Voraussetzung der Arbeit aller Künstler ist. Sie vernichten damit die Wirkung ihrer Arbeit, und mit der Wirkung zerstören sie letztendlich die Künstler selbst.

Jetzt, da dieses Privileg sich endlich in einem allgemeinen Recht aufzulösen beginnt, ist über eine andere Gefahr unserer Literatur zu sprechen, den Provinzialismus. Nicht alle haben die Fähigkeit und Kraft wie Immanuel Kant, die Welt in ein kleines Königsberg zu holen; sie müssen in die Welt, um sie zu erfahren, um sie erfassen zu können, um sie mit ihrer Kunst sinnlich begreifbar zu machen. Hinderlich sind dabei manche Beschränkungen, auch und nicht zuletzt die ökonomischen. Der Verband sollte alle Möglichkeiten nutzen, die trotz dieser Beschränkungen zur Verfügung stehen, um Schriftsteller in die Welt zu schicken. Aus dem Recht zu reisen, muß eine Pflicht werden – im Interesse unserer Literatur.

Und es gibt noch ungenutzte Möglichkeiten. Ich nenne hier nur ein Beispiel: die Villa Massimo in Rom, die deutschsprachigen Künstlern aller Genres einen Italienaufenthalt ermöglichen soll. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten jedoch nur noch die westdeutschen Kollegen diese Stiftung nutzen. Ich bitte den Verband, daß er in Zusammenarbeit mit den anderen Künstlerverbänden und der Regierung unseren unverändert bestehenden Anspruch auf diese Villa durchsetzt.

Und ich bitte auch die westdeutschen Kollegen und die Künstlerverbände der Bundesrepublik, uns dabei zu unterstützen. Heute, wo selbst rechte Parteien der Bundesrepublik den Alleinvertretungsanspruch nicht mehr oder doch sehr viel verschämter für sich in Anspruch nehmen, sollten sich unsere westdeutschen Kollegen aufgefordert fühlen, darüber nachzudenken, ob nicht auch sie davon Abstand nehmen wollen. „Deutschland und DDR“ oder gar „Deutschland gegen DDR“, da sind nicht nur falsche Termini zu berichtigen. Seien Sie uns behilflich, ein vier Jahrzehnte andauerndes Unrecht – nämlich Ihre alleinige und damit stiftungswidrige Nutzung der Villa Massimo – zu beseitigen.

Ein letzter Gedanke zur Förderung unserer Künste. Von der Antike bis zum Kapitalismus gab es, um das bornierte, eingeschränkte Interesse des Staates auszugleichen und die Bewegung der Künste zu gewährleisten, das Mäzenatentum. Ihm verdanken wir einen Teil der erstaunlichsten Kunstwerke, erstaunlich, weil sie gegen die Interessen früherer Staaten standen oder von ihnen negiert wurden. Heute ist das Mäzenatentum in den kapitalistischen Staaten fast verschwunden beziehungsweise degeneriert als Möglichkeit für Wertanlage und Steuerabschreibung. Echte Mäzene sind eine Ausnahme geworden, die Zukunft wird diesen Verlust stärker zu beklagen haben.

In den sozialistischen Staaten kann es, da es kein Privateigentum gibt, auch keine Mäzene geben. Aber es gibt auch keine vergleichbare Einrichtung. Natürlich könnten wir sagen, im Sozialismus ist der Staat der Mäzen, und gelegentlich sagt das auch der Staat. Aber ein Staat hat, wie Lenin sagt, andere Aufgaben, er hat divergierende Interessen zu lenken, sein Gewaltmonopol zum Nutzen des Staates einzusetzen, Interessen und Bedürfnisse des Volkes und der Volkswirtschaft auszugleichen. Jeder Staat, auch der unsrige, und jede staatliche Kultureinrichtung – ein Verlag, eine Filmfirma, ein Museum – hat notwendigerweise beschränkte Interessen. Ein Verlag zum Beispiel zeigt Interesse für ein Manuskript genauso lange wie er eine Möglichkeit zur Publikation sieht, denn das ist sein Geschäft. Aber immer wird es Manuskripte geben, die nicht zu publizieren sind. Ich will politische Schwierigkeiten bei einem Manuskript jetzt außer acht lassen, für die Publikation dieser Manuskripte sorgt, wie gesagt, mit zeitlicher Verzögerung die Zensur. Aber es gab immer und gibt Werte der Kunst, deren hohen Kunstwert erst spätere Zeiten erkennen und wohl auch erst erkennen können. Das Selbstverständnis einer Epoche eröffnet Möglichkeiten und verschließt ebenso natürlich Möglichkeiten. Weder der Verlag noch der Staat noch das Individuum sind daran schuld, es ist eine Beschränkung der Zeit. Und ihr unterliegen auch wir; ein Schelm, der nur Gutes von sich denkt.

Sollten wir nicht daher, um dieser Beschränkung willen und einer Zukunft wegen, der wir Kunstwerke schulden, da wir Kunstwerke früherer Zeiten geerbt haben, überlegen, ob nicht Bewegungsformen zu finden und zu erschließen sind, die, unserer eigenen Beschränkung trotzend, eine Kunst ermöglichen, für die uns erst eine spätere Generation danken kann. Vielleicht können die Künstlerverbände und die Akademie der Künste ein solches sozialistisches Mäzenatentum ermöglichen. Daß es uns nötig ist, ist beweisbar.

Literatur und Wirkung, ich denke, wir haben einiges bewirkt, und wir haben noch viel zu bewirken. Ich wünsche uns allen dazu Kraft und Mut und Rückgrat.