Von Hansjakob Stehle

Ideen werden nicht in einem Vakuum geboren, sie liegen in der Luft“, sagt Manfred Lachs und stopft sich eine neue Pfeife. Wie damals vor dreißig Jahren, als ich in Warschau zum erstenmal diesem polnischen Professor mit dem deutsch klingenden Namen und dem britischen Habitus begegnete, spricht er mit der betulichen Gelehrsamkeit des Völkerrechtsgelehrten über ein Thema, das seitdem wahrlich aktuell geblieben ist: die atomare Abrüstung. Von Lachs, damals Leiter der Rechtsabteilung im polnischen Außenministerium und kein Kommunist, stammte eine Idee, die im Herbst 1957 – ein Jahr nach dem polnischen „Oktober-Frühling“ – sein damaliger Chef, der Außenminister Adam Rapacki, ins internationale Gespräch brachte: der Vorschlag einer atomwaffenfreien Zone in Mitteleuropa.

„Bis zur Errichtung eines kollektiven Sicherheitssystems in Europa werden wir unsere Unterstützung auch Teillösungen geben ... Die Regierung der Polnischen Volksrepublik erklärt, daß sie, falls beide deutschen Staaten sich mit dem Verzicht auf Produktion und Lagerung von atomaren und thermo-nuklearen Waffen auf ihrem Territorium einverstanden erklären, bereit ist, einen gleichen Verzicht auszusprechen“, so verkündete Rapacki der UNO-Vollversammlung in New York am 2. Oktober 1957. Ein eigener Vorstoß Polens? Oder nur ein Moskauer Propagandatrick?

Für den Westen, zumal für Bonn war das keine Frage. Kurz vorher, im September, hatte Konrad Adenauer bei den Bundestagswahlen die absolute Mehrheit für die Unionsparteien gewonnen, nachdem er der Stationierung amerikanischer Mittelstrecken-Raketen in der Bundesrepublik zugestimmt hatte. Es sei darum gegangen, die Sowjets soweit zu bringen, daß sie das Wettrüsten „nicht durchhalten“, erst dann würden sie einer „allgemeinen kontrollierten Abrüstung“ und auch der deutschen Wiedervereinigung zustimmen, schrieb Adenauer später in seinen Memoiren. Von Abrüstung könne überhaupt keine Rede sein, „solange nicht auch die politischen Fragen gelöst seien“ – darüber war sich Adenauer mit US-Außenminister Dulles einig, und beide stützten eine solche „Politik der Stärke“ auf Amerikas militärische Überlegenheit. Plötzlich jedoch schien es, daß die Sowjets gleichzogen: Fünf Monate vor den Amerikanern schossen sie mit ihrem „Sputnik“ am 5. Oktober 1957 die erste Rakete in den Weltraum – und drei Tage vorher war Rapacki in New York mit seinem „Plan“ aufgetreten, den Adenauer „erschütternd unrealistisch“ nannte, weil eine atomwaffenfreie Zone in Mitteleuropa den „ersten Schritt zur Neutralisierung Deutschlands und vor allem zur Anerkennung der sogenannten DDR“ bedeuten würde. Im Bundestag fügte Außenminister von Brentano am 23. Januar 1958 hinzu, es sei auch „schwerlich anzunehmen, daß es sich um eine eigene polnische Initiative handelt“.

Doch was wußte man damals in Bonn von Polen und seinen „Eigenheiten“? Es gab keinerlei offizielle Beziehungen; daß in Warschau keineswegs nur finstere Moskauer Marionetten amtierten, sondern Leute, die mit dem eigenen Kopf dachten – das versuchte ich als erster Warschauer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen darzustellen. Aber es war schwer glaubhaft zu machen. Als ich bei einem Besuch in Bonn dem Polen-Referenten im Auswärtigen Amt vom kulturellen Klima, vom nationalen und europäischen Format der Männer um Rapacki, vor allem von Manfred Lachs erzählte, erntete ich skeptisches Staunen.

Wer war dieser „Erfinder“ des Rapacki-Plans? Osteuropas wechselvolles Schicksal, zwischen Machtinteressen zerrieben, spiegelte sich schon im Namen der kleinen Stadt, in der Lachs 1914 als Sohn eines jüdischen Amtsrichters und einer katholischen Englischlehrerin geboren ist: im galizischen Stanislau, das damals zum Habsburgerreich gehörte, dann (als Stanislawow) zu Polen und heute (als Iwano-Frankowsk) zur Sowjetunion. Aus Krakau brachte der 32jährige den ersten Doktorhut nach Hause, die Wiener Konsularakademie und die Universität Cambridge öffneten ihm die Welt; er war 1939 gerade in einer Londoner Anwaltskanzlei aufgenommen, als Hitlers Pakt mit Stalin Polen teilte und mit Krieg überzog. Seine Eltern sah Lachs nie wieder; sein einziger Bruder wurde in Auschwitz ermordet. Als Offizier der in Schottland aufgestellten polnischen Armee diente Lachs seinem Land. 1945 stand ihm eine Universitätskarriere in England offen, aber „nach langer Überlegung“ hielt er es für seine patriotische Pflicht, nach Polen zurückzukehren, obschon er voraussah, daß Polen ein kommunistisches System haben würde, weil es nun zur Sicherheitszone der Sowjetunion gehörte.

Noch war es allerdings auch denkbar, daß das Land einen ähnlichen Status wie Finnland erreichen könnte; eine „einseitige militärische Auffassung“ von Kaltem Krieg und Kräftegleichgewicht habe den Westen daran gehindert, mit der erschöpften Sowjetunion eine vernünftige Nachkriegsordnung auszuhandeln, meint heute Henry Kissinger, und selbst George Kennan, der Vater der amerikanischen „Eindämmungspolitik“, wollte diese keineswegs so verstanden wissen, daß man die Sowjets „gegen eine verschlossene Tür drängt, ohne versucht zu haben, ob sie durch eine offene Tür gehen würden“.