Photos, Zeichnungen, Zeitungsausschnitte, Selbstgeschriebenes, Tücher, Abgeschriebenes, Bilder, Zettel, Photos von den Zeichnungen, Zeichnungen von den Tüchern, noch mehr Zettel, ein Bild von dem Ganzen, das zwischen neuen Photos, Zeichnungen, Zeitungsausschnitten ... steht: Anna Oppermanns Kunstwerke sind in ständigem Wachstum begriffen, wuchern still und unaufhaltsam vor sich hin, müssen immer wieder neu inszeniert werden. Mit Kisten und Kasten kommt sie am Ausstellungsort an, baut ihr Papier- und Andenkentheater auf, drapiert ihre Hausaltäre, richtet ihre Denk- und Träum-Ecken ein.

Anna Oppermann ist eine erwachsen gewordene Alice im Wunderland: tief läßt sie sich in die Bodenlosigkeit der phantastischen Assoziationen fallen – aber, das ist der Fluch des Erwachsenseins, was sie entdeckt auf ihren Reisen, sind keine Märchen-Monster, sondern die realen Banalitäten und Ungeheuerlichkeiten des Alltags, die Sprüche und Flüche, den Schwach- und Tiefsinn.

"Pathosgeste" hieß das Ensemble, mit dem sie auf der diesjährigen documenta vertreten war und das jetzt in der Hamburger Galerie Vorsetzen (mit Blick auf den Hafen) zu sehen ist, "Pathosgeste", diese komplexe "Nachdenklandschaft", aus der ein unidentifizierbares Wesen mit Drohgebärde heraustritt, gewinnt in Hamburg eine neue, deprimierende Realität. Denn diese erste Galerie-Ausstellung, die Anna Oppermann in der Stadt hat, in der sie seit vielen Jahren lebt und arbeitet, ist gleichzeitig auch die letzte Ausstellung der Galerie Vorsetzen, die vor genau einem Jahr als Künstlerkooperative gegründet wurde. In einem alten Haus am Hafen, in dem die unteren Stockwerke von pensionierten Seeleuten: bewohnt wurden, hatten sich K.P. Brehmer, Adam Jankowski, Dagmar Fedderke, Konstantin Hahm, Anna Oppermann, Herbert Hossmann und einige Künstler-Freunde für 50 000 Mark in einer Etage Räume eingerichtet und dort eine Reine von schönen, unkonventionellen Ausstellungen gezeigt. Die selbst gewählte, verantwortete und finanzierte Arbeit war so erfolgreich, daß die Galerie inzwischen aus den roten Zahlen heraus ist. Just in diesem Moment hat die Stadt ihren Besitz klammheimlich zum Schleuderpreis für 900 000 Mark an einen Berliner Immobilienhändler verkauft, der seinerseits den Untermietern kündigte, das Haus nun renoviert – und es für teures Geld an "Greenpeace" vermietet. So werden alte Seeleute und die Kunst auf die Straße gesetzt, aber die Robben und Wale geschützt. Und einen Steinwurf (es muß ja kein Pflasterstein sein) entfernt von der Hafenstraße kann man feststellen, daß die Lage in Hamburg hoffnungslos ist, aber nicht ernst.

Im Sommer hat man für André Hellers "Luna Luna"-Park ein Skulpturenensemble von Ulrich Rückriem aufgegeben. Jetzt ist die Galerie Vorsetzen torpediert. Die lange beredete Museumsinsel wird gerade stückweise demontiert. "Deutschland, ein Wintermärchen", schrieb Heinrich Heine nach der Rückkehr von einer Reise, die ihn auch nach Hamburg gebracht hatte. Die Stadt taugt auch ganz allein zum Wintermärchen. (Galerie Vorsetzen bis zum 31. 12., Katalog 25,– DM). Petra Kipphoff