Noch einmal Österreich: Bücher über den „Waldheim-Komplex“, eine „Politik der Gefühle“ und „Das Ende der Gemütlichkeit“

Von Gerhard Roth

Mir brauchen Se garnix d’erzählen, weil i kenn das .. .“, fängt der Herr Karl im gleichnamigen Stück von Merz/Qualtinger seinen Monolog an, bevor er einen Beitrag zur Diskussion um die Vergangenheit leistet. Bei Merz/Qualtinger saß der Prototyp des österreichischen Opportunisten, der Herr Karl, im Keller einer Delikatessenhandlung inmitten von Stellagen und Kisten. Inzwischen treffen wir ihn, der auf seine alten Tage Karriere gemacht hat, in Beamtenzimmern, Chefetagen, Redaktionsräumen, Ministerbüros, ja, sogar in der Präsidentenkanzlei. Die Herr-Karl-Partei ist die, stärkste österreichische Partei geworden, sie besitzt die absolute Mehrheit.

Wanted: In Österreich hängt in jedem Postamt, jeder Gendarmerie-Stube, jedem Klassenzimmer das farbige Steckbrief-Photo eines Mannes, der überall ist, ohne jemals irgendwo gewesen zu sein. Dieser Mann ohne Vergangenheit und wohl auch ohne Zukunft, mit der vagen Ähnlichkeit einer transsylvanischen Kultfigur aus der phantastischen Literatur, mahnt Werte ein, die er selber nicht repräsentiert. Das ist sein Dilemma.

Trotzdem oder gerade deshalb ist dieser Mann, stellvertretend für die Herr-Karl-Partei, zum Symbol zweier sich bekämpfender Gruppen geworden. Die eine, deren Präsident er ist, verteidigt ihn, die andere, die ihn nicht wahrhaben will, treibt ihn aus. Beide Vorgänge geschehen mit derselben Vehemenz und bilden das Gegenwartsspektakel: „Ein österreichischer Jedermann“. Die Aufführung findet in einer Sonderschule für schwererziehbare Kinder statt, die noch immer in windschiefen Blockbuchstaben das Wort Demokratie in ein fleckiges Übungsheft kritzeln. Auf dem Podium oben verteidigt die eine Gruppe den steckbrieflich Gesuchten und plädiert auf Unzurechnungsfähigkeit, da er unter dem Einfluß einer Massensuggestion gestanden habe. Die andere Gruppe blickt in geheime Taschenspiegel mit Puderquasten und sieht anstelle des eigenen Spiegelbildes Nosferatu, getarnt als Oberleutnant der Heilsarmee. Unerbittlich will sie von dieser Schreckensvision befreit werden. Die Schüler kümmern sich nicht darum und schmieren zum abertausendsten Mal Dämongradi in ihr Heft. Das Bühnenbild stammt von Manfred Deix.

In Büchern kann man die Geschichte und Analyse dieses „österreichischen Jedermann“ nachvollziehen, allerdings auf die Gefahr hin, daß einem das Lachen dabei vergeht. In Österreich wird zwischendurch auch bei allergewöhnlichsten Feststellungen der Satz eingeworfen: „Wenn ich ehrlich bin“ – darauf folgt alles andere als ein Geständnis. Diese Methode könnte von Kurt Waldheim erfunden worden sein. Bernard Cohen und Luc Rosenzweig bemühen sich, detektivisch aufzuspüren, was Waldheim immer schon sagen wollte, ohne es jemals gesagt zu haben, gleichsam in einer Dauerdemonstration des Nietzsche-Aphorismus: „Das habe ich getan’, sagt mein Gedächtnis. ‚Das kann ich nicht getan haben‘, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich... gibt das Gedächtnis nach.“

Eine Verdrängungsgesellschaft

Obwohl einige Fakten unrichtig sind (was man hinnehmen muß, weil es ja bis zum Waldheimologen langer Ausbildung bedarf), liest sich dieses Buch wie die böse Novelle über einen nach dem Prinzip des Danteschen Infernos Bestraften: Er muß immerfort das wiederholen, was er einmal falsch gemacht hat.

Aber was ist das Besondere an ihm? Antwort: das Normale. Denn das in Cohen-Rosenzweigs Buch wie in einem Puzzlespiel aus einzelnen Fakten zusammengesetzte Bild eines Opportunisten ist gleichzeitig das böse, unerbittliche Porträt des im Geheimen unsicheren und meinungslosen, nach Außen hin aber selbstsicheren Durchschnittsbürgers. Ein heimatfester Rechter, ein Geschickter, dessen Anpassungsfähigkeit so phänomenal ist, daß Cohen-Rosenzweig ihn mit der Woody-Allen-Figur Zelig vergleichen, der die Züge seiner jeweiligen Umgebung annimmt.

Der Fall Waldheim zeigt zugleich, wie austauschbar und beliebig bürgerliche Werte in der Politik sind – sie modifizieren sich nach den Gegebenheiten. Es ist demnach kein Wunder, daß Waldheim mit so großer Begeisterung zum Zeremonienmeister einer Verdrängungsgesellschaft geworden ist. Er ist ja ihre Verkörperung. Geschmückt mit der König-Zwonimir-Medaille in Silber mit Eichenlaub, die ihm „für heldenhafte Tapferkeit im Kampf gegen die Aufständischen im Frühjahr 1942“ verliehen wurde, umgibt sich dieses Phantom des Opernballs mit der Aura eines unschuldigen Wiener Sängerknaben, wie Hunderttausende von Österreichern nach dem Krieg und auch heute noch. Das Besondere an Waldheim ist demnach nur, daß er über seine Alltäglichkeit zum Symbol geworden ist – und langsam, wie auf einer Photographie in der Entwicklerflüssigkeit, zeigen sich die Umrisse und später Einzelheiten einer Zeit, die aus den Watzlawicks (so hieß noch Waldheims Vater) die Waldheims machte und aus Waldheim den Österreicher, dem die Welt vertraut.

Lauter braune Fäden

Zum Vergleich einige andere österreichische Karrieren: Der christlich-soziale Abgeordnete Leopold Kunschak (geb. 1871) forderte 1920: „Wir können die Juden nur vor die Wahl stellen, entweder freiwillig auszuwandern oder aber in die Konzentrationslager gesteckt zu werden.“ Leopold Kunschak wurde 1945 Vizebürgermeister von Wien und war bis 1953 Erster Präsident des Nationalrats. Der Antisemitismus war in der Christlichsozialen Partei gang und gäbe, aber auch in der sozialdemokratischen Arbeiterzeitung konnte man Sätze finden wie: „Die jüdische Plutokratie weiß ebenso, was sie an Seipel hat, wie Seipel weiß, was sein Regime an den jüdischen Plutokraten besitzt.“ (Ignaz Seipel war christlichsozialer Bundeskanzler von 1926 bis 1929.)

Selbstredend durfte in diesem politischen Gobelin der sogenannten Zwischenkriegszeit auch nicht der braune Faden fehlen, den die katholische Kirche hineinwob. Bekanntlich hatte auch der Wiener Erzbischof Kardinal Innitzer für den „Anschluß“ Stimmung gemacht, und das Buch des österreichischen Bischofs Hudal, „Die Grundlagen des Nationalsozialismus“, nahm nach Ansicht des Wiener Publizisten Leopold Spira die ideologische Begründung für den Massenmord an den Juden vorweg.

Schließlich trugen auch Schriftsteller ihr Scherflein bei, und auch ihnen geriet das später nicht zum Nachteil, sondern gerade diese beherrschten lange Zeit noch die Schulbücher in der Zweiten Republik. „Gewaltiger Mann, wie können wir Dir danken“, schrieb beispielsweise Max Mell im „Bekenntnisbuch österreichischer Schriftsteller“ euphorisch über Adolf Hitler.

Die Jahre von der Monarchie bis zum „Anschluß“ waren in ihrer extremen politischen Instabilität geradezu ein Trainingscamp für Gesinnungswechsel und politische Anpassungsfähigkeit gewesen, und es ist kein Wunder, daß nach 1945 wieder dieselbe Verfahrensweise angewandt wurde wie zuvor.

In einem geistigen Klima, in dem in Österreich jedermann beargwöhnt wird, der nach dem Prinzip einer populären Weihnachtssendung „Licht ins Dunkel“ bringen will, versucht es der 1955 geborene Schriftsteller Josef Haslinger mit der Vernunft. In dem Kapitel „Kleine Geschichte der politischen Nachkriegsmoral“ versteht es Haslinger, den Maschinenplan jenes Verdrängungsmechanismus zu zeichnen, der über eine lange Kette von Ereignissen bis zu den Geschehnissen um den Bundespräsidentenwahlkampf geführt hat. Haslinger zitiert als Zeitzeugen der Ereignisse um die Entnazifizierung, bei der aus NSDAP-Mitgliedern Nichtmitglieder gemacht wurden, den ehemaligen Nationalratsabgeordneten der SPÖ Karl Mark, der zu berichten weiß, „daß sich Leute ohne Parteibuch bei .Arisierungen’ oft viel ärger verhalten haben als NSDAP-Mitglieder. Der Entlastungsreigen von Freundesdiensten und Persilscheinen nach 1945 läßt sich nur vergleichen mit dem Gedrängel von 1938, als die Wiener Parteileitung der NSDAP die Flut der Aufnahmeanträge nicht mehr bewältigen konnte. Damals ließen sich die Anwärter von befreundeten Illegalen bestätigen, daß sie schon vor 1938 für die Partei gearbeitet hätten, nur um zu einer niedrigen Mitgliedsnummer zu kommen. Die freilich wirkte sich nach 1945 negativ aus, weshalb man sich von denselben Freunden nun bestätigen ließ, eigentlich nie aus Gesinnung für die Partei gearbeitet zu haben, sondern der NSDAP nur aus beruflichen, ökonomischen und ähnlichen Gründen beigetreten zu sein.“ Das bestätigt eine 1948 von den amerikanischen „Besatzungstruppen“ durchgeführte Meinungsumfrage, die ergab, daß mehr als 40 Prozent der Bevölkerung den Nationalsozialismus noch immer „für eine gute Idee“ hielten, „die nur schlecht ausgeführt worden sei“.

Die beiden Parteien SPÖ und ÖVP sahen indessen das immense Stimmenkapital brachliegen und entwickelten in Windeseile einen Gesinnungskapitalismus auf dem freien Markt der Demokratie. Haslinger beschreibt die Situation an den Universitäten, im Alltag und vor den Gerichten bis zur Regierung Kreisky, die „gleich fünf ehemalige Nazis in ihrer Kabinettsrunde hatte: Öllinger, Rösch, Weihs, Frühbauer und Moser“. Bis zu diesem Zeitpunkt aber war schon ein trauriges Kapitel der SPÖ geschrieben worden. „Die Partei grenzte nicht nur ihre aus Widerstand und Exil zurückgekehrte Linke aus, sondern sie sicherte sich durch eine machtpolitische Kumpanei mit der ÖVP ihren Anteil am Proporzsystem.“ Für die SPÖ war dies umso wichtiger gewesen, als sie nur fünf Prozent der Beamten zu ihren Verbündeten hatte rechnen können.

Haslingers Buch setzt sich nicht nur mit der „Zwischen- und Nachkriegszeit“ auseinander, sondern auch mit der Familie als Mikrokosmos des Staates, der Waldheim-Wahl, dem aufschlußreichen Lebensbericht der jüdischen Emigrantin und späteren „Heimkehrerin“ Ilse M. Aschner und mit der „vergessenen Wirklichkeit“. In diesem Teil des Buches rechnet er anhand von Mindestpensionen, Sozialhilfen und Arbeitslosengeldern mit dem Staat ab, der gerne als „übersozialisiert“ bezeichnet und, wie es seit einiger Zeit heißt, von „Sozialschmarotzern“ ausgenutzt wird.

„Politik ist jetzt tatsächlich ein Geschäft geworden“, stellt Haslinger fest. „Modernisierung meint Abstreifen von politischen Grundsätzen zugunsten eines wirtschaftlichen und ästhetischen Pragmatismus ... Dabei war die Sozialdemokratie einst von der Erkenntnis ausgegangen, daß sich in unserer Gesellschaftsordnung Leistung am wenigsten für den bezahlt macht, der sie erbringt, aber am meisten für den, für den sie vollbracht wird ... Eine Politik der Gefühle kann sich also im Moment darüber hinwegsetzen, so wie sie sich über alles hinwegsetzt, was nicht werbe- und damit mehrheitsfähig ist.“ Die Politik der Gefühle, von der Haslinger spricht, bietet keinen Informationswert, sondern richtet sich danach, welche Aussagen, Formeln und Urteile sich verkaufen lassen. Auf diese Weise sind die österreichischen Parteien zu „Herr-Karl-Parteien“ geworden, denn das Programm der Parteien ist nur noch ein öffentlicher und zuletzt staatlich betriebener Opportunismus. In einer solchen Situation, in der Parteien und Staat Grundsätze verdrängen, braucht das Land einen Psychiater. Es hat ihn in Erwin Ringel, der auch in seinem neuesten Buch als ein Prediger durch die Wüste zieht – „Zur Gesundung der österreichischen Seele“, wie der Titel heißt. Es ist eine notwendige Don Quichotterie, ein Lehrbuch für ein zu erfindendes Schulfach: „Menschenliebe“ anhand und gegen den „Karlismus“.

Hitlers Knochen

Im Jahr 1986 hat auch der Publizist Klaus Harpprecht Österreich bereist und darüber ein Tagebuch geschrieben: „Am Ende der Gemütlichkeit“. „Dieses Land besitzt eine Härte, die sich an der Gewalt des Melker Barock, an der einstigen Strenge des kaiserlich-königlichen Beamtentums, an der Festungsarchitektur des Roten Wien, den mörderischen Konflikten der zwanziger und dreißiger Jahre, am Haß der zeitgenössischen Schriftsteller ablesen läßt“, bemerkt Harpprecht. In einer unprätentiösen Sprache beschreibt er seine Wahrnehmungen, seine Gespräche mit Politikern, Künstlern, Journalisten und Freunden und entwirft in knappen Sätzen und in schwereloser Manier ein wie die Strudlhofstiege ineinander verwobenes Österreichbild aus Skurrilität, Bösartigkeit und Schwermut.

Beim Besuch des KZ Mauthausen liest er die Aufschrift am griechischen Mahnmal: „Das Vergessen des Bösen ist die Erlaubnis zu seiner Wiederholung“. „Es überraschte mich nicht“, hält Harpprecht an anderer Stelle fest, „daß Bundeskanzler Figl kurz nach der Begründung der Bundesrepublik Reparationen forderte. War es sein Ernst? Der alte Adenauer sagte: .Können Sie haben. Wir werden ihnen die Knochen Hitlers schicken.’“ – Nun, sie sind angekommen.

  • Josef Haslinger:

„Politik der Gefühle“

Luchterhand Verlag, Darmstadt 1987; 100 S., 9,80 DM

• Klaus Harpprecht:

„Am Ende der Gemütlichkeit“

Claassen Verlag, Düsseldorf 1987; 160 S., 28,–DM

  • Bernard Cohen/Luc Rosenzweig:

„Der Waldheim-Komplex“

Aus dem Französischen von Jürgen von Doli und Ruth Vogel; Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1987; 200 S., 29,80 DM