Von Carl-Christian Kaiser

Als mein Bonner Redaktionsleiter, fürsorglich auf Bekanntschaften und Kontakte für den Neuling bedacht, mich Konrad Adenauer vorstellte, hatte der Kanzler wohl einen schlechten Tag. Sein Blick war unwillig und abweisend. Wie alt ich denn sei? Zweiunddreißig. „So, zweiunddreißich. Wenn Se doppelt so alt wären, wären Se vierundsechsich.“ Ende des Gesprächs. Adenauer, der schroffe Patriarch.

Das andere Erlebnis: der verstohlene Blick auf Ludwig Erhard, als er einsam in seinem Bungalow im Park des Kanzleramts im Kicker las, die Lieblingslektüre des Fußballfans. Das „große Geschehen“, von dem er sonst so gern sprach, ging längst an ihm vorbei. Draußen verhandelten Christdemokraten und Sozialdemokraten über die Große Koalition und seine Nachfolge. Erhard, der geschlagene Dulder.

Das waren damals aufregende Zeiten. Als ich, Anfang 1963, schüchtern vor Konrad Adenauer stand, hatte er das definitive Ende seiner Regentschaft schon vor Augen. Und als es, dreieinhalb Jahre später, zum Zufallsblick auf Ludwig Erhard im Bungalow kam, war das böse Verdikt seines Vorgängers bereits wahr geworden: Das ist keiner aus dem Holz, aus dem man Kanzler schnitzt. Die Zäsuren offenbarten sich in vielerlei Episoden, selbst für Zeitzeugen am Rande.

Adenauer und Erhard, in ihnen hat die unmittelbare deutsche Nachkriegsgeschichte, in ihrem westlichen Kapitel, Gestalt angenommen, die Geschichte eines großen, oft schier unglaublichen Erfolgs. Freilich, dahinter stand auch ein unaufhörlicher Konflikt, in dem sich politische Meinungsverschiedenheiten und persönliche Animositäten unentwirrbar mischten. Die zeitgenössische Geschichtsschreibung beschäftigt sich mehr mit den Sachkonflikten und notiert die persönlichen Spannungen eher am Rande, nicht zu reden von jenen Traktaten, welche die Ära Adenauer und Erhard zur Heldensaga verbrämen, und ganz zu schweigen von der Neigung, stets den ersten Kanzler in den Vordergrund zu stellen und den zweiten beiläufig abzuhandeln. Aber nun hat einer endlich beide und beides in den Blick genommen, Adenauer und Erhard mit ihren politischen und persönlichen Gegensätzen.

  • Daniel Koerfer: