Hamburg

Es war spät geworden. „Laß uns trotzdem den Lichttisch zu Ende bauen“, sagte an jenem Freitagabend Kemal zu seinem Freund Erol Aydin, genannt „Yavuz“. „Yavuz“ schüttelte den Kopf. So wichtig ihm das neue Arbeitsrequisit für ihre türkische Zeitschrift Göcmen (Einwanderer) war, er wollte noch zur Geburtstagsfeier eines Freundes, wie er Mitglied der politisch linksgerichteten Gruppe, von der die Zeitschrift herausgegeben wird. „Schluß jetzt“, sagte er, „ich will nicht nur arbeiten, sondern auch leben.“ Drei Stunden später war „Yavuz“ tot.

Als beide aufbrachen, war die Geburtstagsfeier am 23. Oktober dieses Jahres im neu eröffneten türkischen Restaurant „Emek“ am Hamburger Schulterblatt, der Grenze zu St. Pauli, schon in vollem Gange. Einige Flaschen Anisschnaps waren geleert worden, als drei Flugblattverteiler der mit den Göcmen-Leuten ehemals befreundeten, jetzt aber rivalisierenden „revolutionären“ türkischen Gruppe „Dev Gene“ (Revolutionäre Jugend) das Lokal betraten. Die Göcmen-Leute wiesen deren Ansinnen, bei ihnen Geld für die streikenden Lederarbeiter in Istanbul zu sammeln, entrüstet zurück, weil das Flugblatt auch von der „PKK“ (Arbeiterverein Kurdistans) unterschrieben worden war. Die PKK wird beschuldigt, Kritiker aus den eigenen Reihen ermordet zu haben. Nach einem heftigen Wortwechsel verließen die Dev-Genc-Leute das Lokal – fürs erste.

Erol Aydin saß bei seinen Freunden, als die Flugblattverteiler später mit Verstärkung zurückkamen. Zwei Stunden nach Mitternacht flogen Tische und Stühle durchs Lokal, Knüppel wurden gezogen, und am Ende blieb ein halbes Dutzend Türken schwerverletzt zurück. Zwei Dev Gencler kamen ins Krankenhaus, und Erol Aydin, der in letzter Minute vermitteln wollte, lag mit einem Bauchschuß tot auf dem Boden.

Sieben Kugeln im Boden

Sieben Kugeln waren in den Holzfußboden eingedrungen, die achte Kugel aus der bis heute nicht sichergestellten Mordwaffe hatte den 31jährigen getroffen, der seit 1982 als politischer Flüchtling in Europa lebte. Von 1975 bis 1978 war er Tänzer an den Opern von Ankara und Istanbul gewesen, er stand in Hamburg in der Schlußphase zu den Proben einer Veranstaltung „Musik, Tanz und Poesie“ von Nazim Hikmet, dem berühmten türkischen Dichter, der oft mit Bertolt Brecht verglichen wird.

So beliebt „Yavuz“ unter seinen türkischen Freunden war, so einflußlos ist die politische Richtung von Göcmen unter den anatolischen Einwanderern. „Wenn heute die türkischen Immigranten in der Bundesrepublik unter türkischen Parteien wählen dürften, würden wir weniger als zwei Prozent kriegen“, beklagt Göcmen-Mitglied Dogan F. den rapide geschwundenen Einfluß aller linken türkischen Gruppierungen.