Von Fritz J. Raddatz

Er ist Kommunist, aber verteidigt "das Vorrecht der Dichter, vernunftlos zu träumen"; er ist Lyriker – aber sein schmales poetisches Werk, in dem es schon 1947 resignierend heißt "Der Worte Wunden bluten heute nur nach innen; / Die Zeit der Wunder schwand. Die Jahre sind vertan", versiegte bereits vor zwanzig Jahren; er ist – halb Engländer, halb Jude – ein weltläufiger Literat, zu dessen Freunden Pablo Neruda und Louis Aragon zählten, Nazim Hikmet und Gershom Scholem – aber befragt zu Nation und Nationalität sagt er: "Ich bin ein Deutscher": Stephan Hermlin, den selbst das Neue Deutschland eine "schillernde Persönlichkeit" nennt. Wie kaum ein anderer Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur war und ist Stephan Hermlin ein ständiger Stein des Anstoßes.

Seine Rolle ist so unentbehrlich, wie seine Rollen undurchschaubar sind. Immer war er beides: ein in die Literatur vernarrter Schriftsteller – und ein eloquent debattierender Kämpfer. Doch geeint wie von einer Eisenklammer wurde bei diesem Mann alles, was auseinanderstreben mochte, durch einen überragenden Impuls: den Antifaschismus. Die Schönheit seiher Dichtung wie manch schrille Ungerechtigkeit mögen hier ihre Wurzel haben.

Als das erste Gedichtbändchen "Zwölf Balladen von den großen Städten" in Zürich 1945 erschienen war – "Ich entsinne mich, daß ich an einem gewissen Tage auf der Bahnhofstraße von Buchhandlung zu Buchhandlung ging und in jeder Auslage mein Buch betrachten konnte. Ich war freudig erregt, als hätte ich endlich eine Botschaft abgeliefert, die lange auf mir gelastet hatte" – war der Verfasser zwar erst dreißig Jahre alt, der Mann mit bürgerlichem Namen Rudolf Leder aber hatte schon mehrere Leben hinter sich: Mit dreizehn hatte der behütet bei Geigenspiel und Munch-Bildern aufgewachsene Sohn eines großbürgerlichen Chemnitzer Kaufmanns das "Kommunistische Manifest" gelesen, mit fünfzehn hatte er ein erstes Gedicht geschrieben, mit sechzehn war er dem Kommunistischen Jugendverband beigetreten.

Das war wohl mehr eine Entscheidung gegen etwas – die Bürgerwelt – als für etwas; Jahrzehnte später hat der Neunundsechzigjährige das Persönlich-Existentielle dieser Wahl charakterisiert: "Im Grunde genommen war bei der politischen Wahl, die ich getroffen habe, ein unklares Gefühl, das schon viel früher eingesetzt hatte: daß ich nicht nur meinem Milieu, meiner Familie, unseren Lebensumständen etwas entgegensetzen müßte, sondern meiner eigenen Natur. Ich war nicht zufrieden mit meiner Natur. Ich hatte etwas gefunden, das mein damaliges Sein bis zu einem gewissen Grade überwinden konnte."

Hier könnte ein Schlüssel liegen für vieles Widersprüchliche in Werk und Leben des Stephan Hermlin. Dieses Leben bot zur mußevollen Vervollkommnung keine Chance. Bis zur Emigration 1935 lebte Hermlin als kommunistischer Antifaschist illegal, es folgten die Zickzack-Etappen des Exils – Frankreich, Spanien, England, Israel, Schweiz.

Spanien? Hier ist der erste Bruch – und Hermlin selber hat sich nie die Mühe gemacht, Klarheit in das Dunkel von Anschuldigungen, Unterstellungen, Verdächtigungen zu bringen. Tatsächlich sucht man seinen Namen in vielen berühmten Spanienbüchern und -anthologien vergebens (Heinrich Jaenecke, Franz Borkenau, dem Luchterhand-Band "Geschichten aus der Geschichte des spanischen Bürgerkriegs"). Seine offizielle Biographin Silvia Schlenstedt läßt es so im Unklaren wie Alfred Kantorowicz es in seinem "Deutschen Tagebuch" als für ihn unumstößlich klärt: "Zum Erstaunen vieler Kameraden fand sich bei der vorzugsweisen Erwähnung besonders prominenter Spanienkämpfer in der Presse auch der Name eines Schriftstellers, der während der fragli-. chen Zeit nicht einen Tag in Spanien gewesen war und der folglich auch nicht am Treffen der Spanienkämpfer teilgenommen hatte: Stephan Hermlin. (...) Sein Schwindel mußte ja früher oder später zutage kommen; um von Amts wegen zum ,Spanienkämpfer‘ ernannt zu werden, hätte er den Nachweis erbringen müssen, daß er sich – und sei es auf der Durchreise – zwischen August 1936 und März 1939 jedenfalls eine Stunde lang in Barcelona oder Valencia aufgehalten hatte (von Madrid wollen wir nicht sprechen, das wäre zuviel verlangt)." Nur einer kann wissen, was stimmt. Und der schweigt.