ZDF, Samstag, 28. November: „Wetten, daß...?“

Die sogenannte Fernsehnation hatte während der letzten Monate eine harte Entscheidung zu treffen: Erlaubt sie einer großen Unterhaltungssendung wie „Wetten, daß...?“ ein moderneres Outfit oder verteidigt sie die Konvention per Zuschriften- und Einschaltplebiszit? Frank Elstner, Erfinder der Show und ihr langjähriger Master, war abgetreten, da ließ sich nichts machen. Der Neue, Thomas Gottschalk, war jünger, frech und poppig und wollte manches ändern. Sollte er dürfen? Es kämpften Neugier mit Skepsis, Jugend mit Tugend, Wechsel mit Gewohnheit, und am Ende entschied man: Er darf es versuchen, der Junge. Zur Not wird er erzogen. Die erste Wett-Show mit Thomas Gottschalk schlingerte über die Schirme. Statt der beliebten Saal-Wette hatte man eine Sensation per Direkt-Schaltung zwischengeblendet (ein sportliches Paar wollte auf dem Tandem Rekorde brechen), was dem Live-Publikum die Initiative stahl zugunsten zusätzlicher elektronischer Präsenz. Schon am zweiten Gottschalk-Abend war die Saal-Wette wieder da. Außerdem aber Damen in provozierender Aufmachung, was niemals des honorigen Elstners Art, aber offenbar Gottschalksches Styling war. Wochenlang hing des Neulings Haupt in einer zarten Schlinge mit Namen: Straps. Na, so was in „Wetten, daß.. .?“ Es gab noch mehr Beschwerden: Zuviel Pop, zuviel Englisch, zuviele Frechheiten, sogar Blasphemie. Gottschalk, wir warnen dich. Und alles starrte auf die dritte Show. Wer würde durchmarschieren? Opas Bettvergnügen oder die Amerikanisierung des Bildschirms? Der Lebensstil des Herrn Biedermann oder des Yuppie?

Einstweilen: Beide – wie es sich für eine Show gehört, die „Spiel“ und „Spaß“ im Untertitel führt. Demonstrativ trat der junge Entertainer im dunklen Anzug auf. Auch seine Wett-Gäste hatte er wohl um Dezenz gebeten, keine Farbe auf dem Sofa. Statt launiger Sprüche gab Gottschalk .bündige Kommentare von sich, statt loser Frauenzimmer führte er einen Kinderchor vor. Und bevor er am Ende die Saalwette gewann, nahm er sich Gelegenheit, die Attacken der vergangenen Wochen gelassen zu kontern. Hier zeigte einer: Ich kann’s auch seriös, ganz wie du befiehlst, liebes Publikum. Der Kratzfuß, den Gottschalk ablieferte, fiel so ironisch aus, daß seine Fans nicht fürchten müssen, er habe sich wirklich angepaßt, seine Gegner hoffen dürfen, er sei auf dem Weg dahin. Und so wäre allen gedient.

Nur nicht der Kritikerin, die nicht weiß, was sie tadeln soll: Das Fernsehen, das mal wieder mit uns macht, was es will? Keineswegs, denn gerade bei „Wetten, daß .. .?“ bewies das Publikum seine geballte Macht. Frank Elstner dafür, daß er ein Ende fand? Niemals, denn rechtzeitig aufhören ist eine Kunst, die man auch an Fernseh-Akademien als Pflichtfach lehren sollte. Thomas Gottschalk für seine Keckheit, für seine Bravheit? Ach wo, er ist mal ein Showmaster, der keine Lachpausen nach seinen Scherzen macht und auch sonst die hierzulande seltene Gabe der Trockenheit besitzt. Und bitte, warum soll er nicht den Muckern eine Freude machen. Schließlich geht es auf Weihnachten zu. Barbara Sichtermann