„Waiblingers Augen“: Peter Härtlings Roman eines Dichterlebens

Von Wilfried F. Schoeller

Ich bin so empfindlich, so verletzbar. Wohin ich mich bewege, stoße ich an, und der Schmerz wird nach und nach zu einer großen, vielleicht unheilbaren Wunde.“ Wilhelm Waiblingen der dies mit knapp achtzehn Jahren in seinem Briefroman „Phaeton“ schrieb, ist, noch nicht 26 Jahre alt, 1830 in Rom an Schwindsucht gestorben. Er war ein exzentrischer Nachgeborener von Größeren wie Friedrich Hölderlin, der damals geisteskrank in seinem Tübinger Turm lebte und dem Waiblinger in seinem Roman das Denkmal des glühenden Rätsels setzte. Früh konnte er mit Aufmerksamkeit für seine literarischen Talente rechnen, er war einer der Vielversprechenden aus dem Genie-Revier zwischen Turm, Stift und Klinikum in Tübingen. „Ihr seid nie versucht, Grenzen zu übertreten, das Unbekannte dahinter zu ergründen ... Immer, wenn ich auf dem Weg war, wenn es glücken konnte, rissen mich Grenzwächter zurück, Hüter des Anstands. Das kann ich unter Leben nicht verstehen. Das sind Rituale der Sicherheit, bürgerliche Absprachen; sie reichen mir nicht.“ So redet – im Roman von Peter Härtling – Waiblinger, um die zwanzig, auf den gleichaltrigen Mörike ein.

Noch ein Dichterleben als Roman. Dreimal zuvor hat sich Härtling an Gestalten der Literaturgeschichte gewagt – in einer zeitlichen Spanne, die Raum ließ für andere Unternehmungen und die doch auf die Hartnäckigkeit und Unabdingbarkeit der erzählerischen Forschung über Dichter-Existenzen verweist: Im Jahr 1964 die „Suite“ über „Niembsch“, das nach musikalischen Formen gebaute Buch über Nikolaus Lenau. Dann der „Hölderlin“, auch das Ergebnis der Skepsis gegenüber einem geschlossenen biographischen Entwurf, das halb als Roman angelegt war, halb Bericht blieb. Schließlich die Geschichte „Die dreifache Maria“, die aus einem größeren Mörike-Projekt herausgelöste Erzählung; sie bezieht sich auf das Verhältnis des Dichters zu der dunklen Maria Meyer, auf die Peregrina der Mörike-Gedichte und die Zigeunerin Elisabeth im „Maler Nolten“.

Nun also der – trotz einer voluminösen neuen Ausgabe – fast verschollene Waiblinger. Es geht (wiederum) nicht um eine Biographie, sondern um das Modell einer Existenz. Waiblinger ist bei Härtling für sich selber das größte Kunstprojekt. Alles wäre für ihn, wenn das ginge, mit unruhigen, ausgreifenden Schritten geschrieben, um die Literatur einzuholen, mit dem Leben ineins zu bringen, selbst zur Poesie zu werden. Er möchte zur Figur seines Romans werden und behandelt das Leben wie einen solchen.

Ein zerstörerisches Programm, das Waiblinger aus allen Verläßlichkeiten vertreibt: weg von den Eltern; im Stift nur vorläufig angenommen, im Perspektiv des Mißtrauens und schließlich relegiert, was ihm alle – sowieso nicht, erwünschten – Aussichten zum Theologenstudium raubt; Freunden wie Mörike und Bauer ein Kamerad und Kumpan, wird er von ihnen, endlich verlassen. Das ist Härtlings Waiblinger: ein Getriebener, den er im Stift und in Kneipen, bei Ausflüchten auf die Alb und bei nächtlichen Wanderungen, mit flackernden Lichtern bei unvorhersehbaren Auftritten vorstellt. Ihn drängt es danach, „Kind einer Zeit zu sein, die sich um den Aufruf von gestern nicht kümmert“, die sich „gegenüber den Idealen der Väter“ gleichgültig zeigt. Waiblinger ist der jugendliche Vertreter einer unpolitisch gewordenen Epoche, die von den Idealen der Französischen Revolution, von der Utopie des Republikanismus nichts mehr wissen will. Die Generation Hölderlins war von ihnen bewegt, eine Stimme, die unerkannt in der dunklen Ecke eines Wirtshauses redet, spricht davon vergebens auf ihn ein. Waiblinger will, ganz im Präsens seiner Leidenschaften, von solchen Vergangenheiten nichts kennen, will sich in Literatur überführen. Solche Aktualität gewinnt Härtling anstrengungslos und wie ohne Absicht aus den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts, genauer: aus dem Jahre 1824, da alles zusammenbricht in dieser Existenz für sich allein.

Entsetzlich frei