Hans Bender, bekannt vor allem als Herausgeber der Literaturzeitschrift Akzente (bis 1980) und als Förderer junger Autoren, hat nach längerer Zeit wieder einen Band mit eigenen Erzählungen veröffentlicht. „Bruderherz“, eine Sammlung von acht kleinen Texten, skizziert in chronologischer Reihenfolge Stationen eines Lebens. Der Bogen der Erzählungen spannt sich von dem kleinen Jungen, der mit dem Vater auf dem Pferdewagen über die Dörfer zieht und später dem Bruder sein Erspartes gibt, damit der die Enge der Heimat verlassen kann, bis zum monotonen Ehealltag des alten Mannes, in den ein Kater unerwartete Abwechslung bringt.

Dem Stil seiner früheren Prosa ist Bender treu geblieben. Sparsame Beschreibungen in kargen, schmucklosen Sätzen sind eingebunden in einen gradlinigen, wenig komplexen Erzählansatz. Der Erfahrungsraum der Geschichten ist der unmittelbare Gesichtskreis eines Ich-Erzählers, an dem die Identitätskrise des Erzählers scheinbar spurlos vorübergegangen ist. Überaus zutreffend ist dem Band ein Satz von Jules Renard als Motto vorangestellt: „Wir können uns immer nur um uns selber drehen, unser eigenes kleines enges Dasein betrachten, wo es zuweilen so dunkel ist.“

Man mag das boshaft als Aufruf zur Nabelschau, nüchterner als bewußten Verzicht auf Welthaltigkeit verstehen. In jedem Fall gelingt es Bender allenfalls sporadisch, aus dieser Perspektive überraschende, erzählerisch plausible Konsequenzen zu ziehen. Das Bemühen um Ironie wirkt verkrampft, Ansätze zu einer selbstironischen Betrachtung sind vor dem Umschlag in Larmoyanz und selbstgerechtes Liebäugeln mit den eigenen Vorurteilen nie gefeit. Der Erzähler kokettiert mit seiner „Unmodernität“ und verfällt dabei unversehens in Manierismen und gespreiztes Understatement.

Mit gekünstelter Besorgnis merkt er etwa an: „Ich hoffe, ich gebrauche das richtige Fremdwort“, und wie ein falscher Ton in einer einfacher Melodie klingt es, wenn ein Kater „sein Befremden zu bekunden (scheint)“.

Auffälliger noch als diese zahlreichen Dissonanzen ist die direkte Nachbarschaft der prätentiösen Schlichtheit zu schlichtem Ressentiment. Über eine Lyrikerin, die den Erzähler mit ihren Anrufen plagt, urteilt er gönnerhaft, einige ihrer Gedichte könne man wohl abdrucken, „erst recht in einer Anthologie, welche Dichtungen von Geisteskranken vorstellt, und die gerade in unseren Tagen ihre Bewunderer finden“.

Im Verhältnis zu seiner Lebensgefährtin präsentiert sich der Erzähler als Musterbeispiel eines herablassenden Patriarchen, während die Gedanken über die Jugend, erwartungsgemäß muß man wohl sagen, altväterlich und oberlehrerhaft ausfallen. Beim Anblick eines jungen Mannes im Baumwollpullover mit Nike-Aufschrift, „Sweat-Shirt sagt man jetzt“, bemüht der Erzähler seine Gymnasialbildung für die rhetorische Frage: „Ob die jungen Leute überhaupt wissen, welche Wörter sie herumtragen, und was sie bedeuten?“ Es wird ihnen wohl egal sein, genauso wie dem Autofahrer, den es auch nicht kümmert, daß der Name des Fabrikats seiner Wahl aus dem Imperativ des lateinischen Verbs audire gebildet ist.

Daß die zeitweilige Dunkelheit des „eigenen kleinen Daseins“ bei entsprechender Ausleuchtung Bilder von ungewöhnlicher Tiefenschärfe nicht ausschließen muß, ließe sich an zahlreichen literarischen Beispielen dokumentieren. In Hans Benders Erzählungen wird man sie jedoch nur schwer finden. Peter Körte