Von Bartholomäus Grill

Wenn Muttern das Haus verläßt, bleibt Konrad niemals fromm. Er schnüffelt in Schatullen, filzt Speisekammern, wühlt in verbotenen Winkeln. „Suachat“ nennt man im Bayerischen solche Kinder, „suachat wia z’Sau“ heißt der Komparativ. Den bekamen der Knirps Wolfgang und sein älterer Bruder von ihrem Großvater zu hören, wenn sie Unerlaubtes erkundeten. Seinerzeit zählte kein Wittgenstein – die Welt bestand aus lauter merkwürdigen Dingen und war noch nicht in Tatsachen zerfallen.

Allein, im Laufe der Zeit erging es den zwei Buben wie Pasternaks verträumter Heldin Lüver und allen anderen Kindern: „Das Leben hörte auf, eine poetische Laune zu sein; es wogte um sie wie ein düsteres, schwarzes Märchen und wurde zur Prosa, verwandelte sich in Tatsachen.“ Will ein Erwachsener in die poetischen Wälder der Kindheit zurückwandern, muß er zunächst einmal das prosaische Dickicht seines Alltags durchdringen.

Wolfgang Schmidbauer, dem 46 Jahre alten Psychotherapeuten und Lehranalytiker aus München, ist dies geglückt, weil er sich das „Suachate“, diese ursprüngliche Gestalt kindlicher Neugierde, bewahren konnte: Er hat „die Schönheiten und Ängste“ einer Welt festgehalten, „die nur ganz knapp hinter uns liegt, deren Spuren wir noch finden und an die wir anknüpfen Können“. Feinsinnig rekonstruiert er „Eine Kindheit in Niederbayern“, eine unter dem Wohlstandsmüll verschüttete Wirklichkeit, um zu verstehen, weshalb wir nach der Barbarei des Krieges „in eine kaum weniger grausame Barbarei verfielen“ und im Taumel des Fortschrittes alte Lebenswelten unwiederbringlich zerstörten. Archäologie des Subjekts als Chronik des Verlustes.

Erinnern, Reisen nach Innen, ist mit Wagnissen verbunden. Allzuleicht gerät das Fabulieren über die frühen Jahre zur weinerlichen Flucht, zur Einbahnstraße ins Gestern. Oder der Kitsch tritt an die Stelle des Weltschmerzes, unter weißblauem Himmel zumal, wo seit Ludwig Thoma die Kindheit als lausbübische Anekdote wiedererfunden wird. Unser. Reisender indes ist sich des romantischen Dranges, die eigene Vergangenheit zu verklären, bewußt: „Wird hier nicht die Wahrheit durch Dichtung aufgefrischt und interessant gemacht? Ist Wahrheit über die eigene Kindheit überhaupt auffindbar?“

Was Süße ist, lernt man im Munde kennen: Der Autor erzählt von Dampfnudeln und Hasenohren (ein Schmalzgebäck), von giftig-gelbem Kracherl (Limonade), bunten Minzenkugeln aus dem Stanitzel und anderen zauberhaften Geschmäckern; von wunderlichen Geräuschen: das Rattern des Gsott-Schneiders (Häckselmaschine), das blecherne Scheppern, wenn der Opa an den Morgenden vor der Mahd die Sense dengelte, das Schnurren der Milchzentrifuge, aus deren Rahmschnabel der Schmacht quoll, liegen ihm noch im Ohr. Die Düfte sind ihm gegenwärtig, die Gestänker erst recht: Nach versengtem Pferdehorn roch es beim Hufschmied; nach Karbolineum, das die Zugtiere vor Bremsenstichen schützte, an flimmernden Hitzetagen; nach selbstgebackenem Kiezenbrot, vergossenem Most, im Keller. Und schließlich die Augenweiden: Die von der Oma verzierten Butterlaibchen glichen goldenen Gürteltierchen, unter den Schafkopfkarten war die Schellensau die schönste.

Riesig schien die Wirkwelt, winzig die Merkwelt des Dreikäsehochs. „Die Möbel waren zu groß, die Gabeln zu lang, die Rechen zu schwer, der Schulranzen drückte, und viele, viele andere Buben waren stärker als ich ...“ So war einmal die Wirklichkeit – monumental, unüberschaubar und voller Fährnisse: Wilde Erdwespen, zischende Gänseherden, der Kinderfresser Eggl, die Strudel im Inn, der sensenschwingende Tod von Eding (Altötting) trachteten nach Leib oder Leben, vor allem aber der Teufel. Gegen den half nur „immer brav sein und fest beten“. Ein Greuel, in Sünde zu sterben: „Also mußte ich in den Himmel kommen, ... weil ich nicht in die Hölle wollte.“ Lasterhaft außerhalb, reuig innerhalb des Beichtstuhls („Sechstensichhabemichunkeuschberührt“), das ist der Morus, aus dem die Katholen sind.