Mußte das sein? Und: Warum sterben gerade die Besten so früh? Professor Armin Gutowski, geboren 1930, hatte 1959 mit summa cum laude, dem höchsten und damals noch selten verliehenen akademischen Grad, promoviert. Es war der Beginn einer glanzvollen akademischen Laufbahn. Sogleich verschaffte er sich – im Beirat der Arbeitskammer des Saarlandes – praktisches Wissen, ohne das die beste Theorie unfruchtbar ist. Die Rockefeller Foundation schickte ihn zu Studien nach Berkeley, Princeton und Chicago.

Mit den Gewerkschaften kam der konsequente Marktwirtschaftler manchmal in Streit. Aber er ließ auch die Wirtschaft wissen, daß unter ihnen die Marktwirtschaftler in guten Zeiten reichlich, in Krisenzeiten aber knapp sind. Einmal als wirtschaftsunfreundlich gescholten, sagte er: „Ich will der Marktwirtschaft dienen, nicht der Wirtschaft.“ Er verstand die abstrakten Begriffe der Nationalökonomie in die Umgangssprache zu übersetzen. Das lernte er nicht nur am Lehrstuhl von seinen Studenten – seine Frau Renate Merklein zwang ihn jeden Tag, sich den ökonomischen Gegenwartsfragen zu stellen. Sie hat großen Anteil an seiner Arbeit. Viele werden im Spiegel ihre Artikel mit zupackenden Titeln – „Der Griff in die fremde Tasche“ – gelesen haben.

Das Große und das Kleine zogen Gutowski an. Eine sorgfältig recherchierte Arbeit über die Weinbaupolitik fiel Theodor Heuss auf – der bedankte sich schriftlich.

Als noch fast niemand für die Rentenfrage – sie wird bald katastrophale Dimensionen haben – Lösungen vorzuschlagen riskierte, riet Gutowski: Nach einer Übergangsfrist mit garantierten Mindestbezügen sollten die Beiträge zur Rentenversicherung drastisch gesenkt und daraus eine gekürzte, aber sichere Grundrente gezahlt werden – den am Beitrag eingesparten Betrag sollten die Arbeiter und Angestellten zu freiwilligen Versicherungen nach ihren Lebensverhältnissen investieren. Die Gewerkschaften schalten das zynisch – sie trauen ihren Mitgliedern die Selbstfürsorge nicht zu. Gut. Aber Gutowski fand: Die Bismarckschen Sozialgesetze hatten den ungebildeten, unwissenden Arbeiter schützen wollen. Der das Existenzminimum mehrfach verdienende Arbeitnehmer heute, mit nur noch fünf Tagen Arbeit in der Woche könne Selbstbestimmung auch über seine Alterssicherung verlangen.

1978 wurde Armin Gutowski das HWWA Institut für Wirtschaftsforschung in Hamburg anvertraut, zugleich mit einem Lehrstuhl an der Hamburger Universität. Das Institut hat sich Respekt bei der Wirtschaft in der ganzen Welt erworben. Für den deutschen Außenhandel war es ein unverzichtbares Instrument. – Als die Chinesen jetzt begannen, ein? neue Wirtschaftsordnung aufzubauen, riefen sie Gutowski als Sachverständigen.

Gutowski zu ersetzen, wird den Zuständigen schwer fallen: dem Hamburger Senat, der Universität Hamburg, der Bonner Regierung (weil sie die Hälfte der Kosten des Instituts zahlt).

In der Nacht von Samstag auf Sonntag (28./29. November) hat der Tod zugeschlagen – Gutowski hat wenigstens nicht gelitten. Die von Renate Merklein zu Hilfe gerufene Polizei wollte noch in der Nacht den Toten ausgerechnet ins Gerichtsmedizinische Institut schleppen – Frau Merklein wußte das zu verhindern, Freunde halfen dabei.

Gerd Bucerius