Wer einem Erzählungsband die kokette Genrebezeichnung „Künstlernovellen“ auf den Weg ins literarische Leben mitgibt, der weiß, auf welch abgründigem Terrain er sich bewegt. Nicht erst seit Thomas Manns homoerotischer Inszenierung „Der Tod in Venedig“ hat ja die Problematik des schöpferischen Menschen die Phantasie der Dichter bewegt: jene tiefe Kluft zwischen Lebensalltag und Kunstwirklichkeit, die nicht überbrücken zu können, zu dürfen, zu wollen den Autoren wieder und wieder Anregung gab zur so lustvollen wie verzweifelten Auseinandersetzung mit der eigenen Existenz. In ihren Figuren – Ardinghello und Wilhelm Meister, Johann Kreisler, Theobald Nolten und Heinrich Lee, Gustav von Aschenbach und Sir Andrew Marbot – haben sich die Poeten entworfen, im Entwurf sich vernichtet, durch die Vernichtung sich gerettet und aus solcher Selbstrettung allemal die Rechtfertigung bezogen, fortzufahren in der Gestaltung ihrer Obsessionen – „Haltung im Schicksal, Anmut in der Qual“, wie Thomas Mann dergleichen auszudrücken pflegte.

Wer aber weiß, daß er auf solchem Terrain sich bewegt, der kann die Linie dieser literarhistorischen Tradition nicht einfach weiterführen, gleichsam naiv aktualisierend, was ihm der Fundus der Literarhistorie zur Anreicherung durch zeitgenössische Künstlererfahrung darbietet. Sondern er muß miterzählen, was da schon erzählt wurde: Erfahrung aus zweiter Hand, deren Authentizität sich beglaubigt gerade im Zitat der Muster und Varianten und Spiegelungen, um sich in diesen zu erkennen und von ihnen sich zu trennen. Solchem Postulat hatte, eher halbherzig, auch Michael Schneiders erster Erzählungsband „Das Spiegelkabinett“ (1980) sich gefügt. Die Geschichte des Magiers Cambiani handelte von der Virtuosität, mit der ein Bruderpaar seine Doppelgängerexistenz in Mysterien der Schwarzen Magie umzumünzen verstand – bis eben der Zwiespalt zwischen Kunst und Leben zur Erosion des genialen Bluffs führte. Eine Novelle, die an keiner Stelle die Inspirationen aus dem Arsenal der Literaturgeschichte leugnete: den Zauberer, der in Thomas Manns Novelle Mario in den Bann schlägt; Hermann Burgers so equilibristischen wie sprachgewaltigen „Diabelli“; nicht einmal der autobiographische Bruderzwist im Hause Schneider selbst fehlte.

Die Zaghaftigkeit freilich, mit der Michael Schneider solche Literaturzitate seinerzeit einarbeitete, ist nun im neuen Novellenband dem Mut und der Lust am reflektierten Spiel mit der Tradition gewichen. Michael Schneider, der kritische Marxist und psychoanalytische Theoretiker, der Lektor und Dramaturg, der polemische Essayist und Publizist, zieht alle Register eines poeta doctus. Er kennt sein Thema, die Problematik des Künstlers zwischen nicht gelebtem Leben und forderndem Werk. Er kennt die Zeugen, die Werke der Literaturgeschichte, die von dieser Problematik sprechen. Und er kennt und nennt die Bürgen, die für sie einstehen: Balzac, Flaubert, Kafka beispielsweise. Schneider nutzt sein Wissen, benutzt seine Kenntnisse, um eine Art Gittergeflecht aus Intertextualität anzulegen, in das hinein er seine Geschichten erzählen kann, virtuos und nuanciert die feinsten Denkverästelungen und Gefühlswindungen seiner Personnage skizzierend. Er baut ein Gerüst aus Motti, Namen, Anspielungen und etabliert mit dieser Konstruktion einen ironischen Gestus des Zeigens und Ausstellens: Seht her, so leiden sie, die Künstler, bei ihrem Versuch, ein Leben zu leben, das nicht die Kunst wäre.

Sie leiden nicht nur – sie gehen dabei zugrunde. „Balzacs Totenklage“, die erste der drei „Künstlernovellen“, ist ein kurzer innerer Monolog des sterbenden Autors, der seine „Comédie humaine“ unvollendet lassen mußte, weil er seinem „Lebensroman“, der Gräfin Eva Hanska-Rzewuska, nachjagte – vergeblich, wie er nun weiß. „Suchbild Woyzeck“ schildert den Weg einer Schauspielerin, die, inmitten eines Gefühlsgemischs aus Berufsüberdruß und Lebensekel, die Beziehung zu einem Strafgefangenen sucht, einem Mörder, der ihr als Inkarnation harten, präsenten Lebens erscheint – und dann doch nur säuerlich riecht und tätowiert ist. „Die Unbeschreibliche“ schließlich: Das sind „Bekenntnisse eines Literaten“ (Untertitel), der sich von der Literatur verabschieden will, um seiner Liebe zu leben – der Brief aber, in dem er seine Absicht ausführlich begründet, läßt sich, nach seinem plötzlichen Herztod, literarisch und verlegerisch abermals ausbeuten.

Lauter scheiternde Schritte also auf dem Weg vom Maniak zum Menschen: Der Traum vom Leben als Falle der Kunst. Schneider erzählt von diesen Gehversuchen unbarmherzig, doch nicht denunziatorisch. Die Glätte seiner Sprache reproduziert nur die Glätte des Jargons, in dem der Kulturbetrieb sich reproduziert. Und das Muster der klassischen Novelle bleibt bloßes Zitat einer Form, das den demonstrativen Gestus des Erzählens betont – ein Appell an den Leser. Denn natürlich kommen wir alle vor, die Verleger und Theaterleute, Redakteure und Kritiker, freischwebenden Intelligenzler und angepaßten Abhängigen! Das ganze kulturelle Bestiarium – wie bei Robert Gernhardt. Nur läßt Michael Schneider es mit dem adornesken Lakonismus: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ nicht bewenden. Vielmehr bleibt ein ununterdrückbarer Rest des Aufklärers im Erzähler Michael Schneider erhalten: Er setzt auf Erkenntnis durch Aussparung. So gesehen, entpuppt sich das Scheitern seiner Figuren als ein Plädoyer für die Maxime Brechts: „Alle Künste tragen bei zur größten aller Künste, der Lebenskunst.“ Ralf Schnell

  • Michael Schneider:

„Die Traumfalle“

Künstlernovellen; Kiepenheuer & Witsch, Köln 1987; 272 S., 34,– DM