In dieser Zeit der allgemeinen Sprachverwilderung, in der so viele Politiker in nichtssagender Redseligkeit ihre Sprechblasen blubbern, profillose Konsumblättchen nichts als frisch bedrucktes Altpapier darstellen und Werbetexter Massen von Begriffsmüll produzieren, haben manche Zeitgenossen, vor allem die jungen, den Geschmack an den Wörtern verloren. Das ist bedauerlich, aber es ist ein Faktum. Mit größerer Sensibilität reagieren viele von uns auf Bilder, und so kann es sein, daß von Fall zu Fall die Bilder eindringlicher Informationen befördern und Bestürzung auslösen als die Wörter. Außerdem gibt es Bilder, die uns ohnehin die Sprache verschlagen.

In diesem Sinne ist ein Bilderbuch anzuzeigen: „Hinsehen verboten! – Unfeine Bilder aus Chile“. Das Adjektiv „unfeine“ im Untertitel bezieht sich auf die Worthülse eines bayerischen Politikers, der mit einer derart verniedlichenden Vokabel die Folterung der Verfolgten in diesem brutalen Krieg bezeichnete, den General Pinochets Militärdiktatur gegen das eigene Volk führt. Die Photographen Jaime Robotham und Alfons Federspiel legen erschütternde Bilder vor. Demonstrierende krümmen sich unter den Knüppeln der Polizeischläger, Frauen trauern mit entsetzten Gesichtern um zu Tode gemarterte oder „verschwundene“ Angehörige, die Menschen in den Elendsvierteln sind gezeichnet von der täglichen Mühe um das Überleben und lassen, trotz allem, die Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben erkennen.

Die Bilder dieses Buches zeigen auch, wie die Männer und Frauen, voll Angst zwar, mutig und zornig Widerstand leisten und gemeinsam gegen Diktatur und Folter, Entführung und Mord protestieren, auch wenn sie unter Tränengas und Wasserwerfern zusammenbrechen und ihre Verhaftung riskieren. Vielleicht sind es gerade diese Zeugnisse der Solidarität, die in besonderem Maße erschüttern. Seit vierzehn Jahren werden in Chile die Menschenrechte von einer despotischen Junta, ihren Handlangern und Nutznießern zynisch mit Füßen getreten. Trotzdem gibt es bundesrepublikanische Politiker, die sich mit fadenscheinigen Argumenten weigern, vom Tode bedrohte Oppositionelle bei uns aufzunehmen. Wer in diesem Buch die Photos von den pathetischen Mienen selbstgerechter Generäle, den stupiden Larven der Mitglieder des Obersten Gerichtshofes und den dümmlichen Grinsern aus dem Pulk der Regime-Sympathisanten sieht, der wird – spätestens dann – Partei ergreifen für die Geschundenen und Gequälten.

Der Schriftsteller Eduardo Galeano hat dem Buch einen erhellenden Essay zur Situation und zur Zukunft Lateinamerikas vorangestellt, eine Chile-Chronik schließt den Band ab. Diese Dokumentation vermittelt besonders den jungen Leuten Einsichten und historische Zusammenhänge. Sie beginnt mit der Versklavung der Indianer durch die spanischen Eroberer im 15. Jahrhundert und endet mit dem 8. September 1986. An diesem Tag wurde der Journalist José Carrasco von Pinochets Todesschwadronen entführt und ermordet.

Die Bild- und Textautoren dieses Bilderbuches sind auf Veränderung aus. Sie wollen das Bewußtsein der Gleichgültigen wachrütteln. Ich wünsche diesem Buch eine starke Wirkung. Jo Pestum

Jaime Robotham/Alfons Federspiel:

„Hinsehen verboten! – Unfeine Bilder aus Chile“