An den schroffen Rinden der alten Eichen im Krugkoppelpark an der Hamburger Außenalster konnte man noch vor wenigen Jahren, wenn man auf den Alsterdampfer wartete, Baumläufer beobachten. Ein klitzekleiner Vogel – wer nicht genau hinsah, konnte meinen, eine gesprenkelte Maus versuche, den Wipfel eines Baumes zu erklimmen. Ein behendes Vögelchen, das ruckartig, nach Art der Spechte, den Stamm von unten nach oben hinaufkletterte.

In Deutschland sind zwei Arten anzutreffen, neben dem Gartenbaumläufer der Waldbaumläufer. Die Vögel voneinander zu unterscheiden, ist nicht leicht, denn im Aussehen und Verhalten sind sie einander sehr ähnlich. Allein der Gesang – oder besser: ihr Ruf – ist sehr unterschiedlich. Der Gartenbaumläufer lockt mit hellen Pfiffen und hat einen kurzen, tirilierenden Gesang, während der Ruf des Waldbaumläufers dem Klingeln der Blaumeisen ähnelt. Doch beide Arten gehören zu den eher schweigsamen Vögeln.

Beide Baumläufer sind im Gefieder rindengrau, leicht gefleckt, mit heller Unterseite und einem langen, gebogenen Schnabel. Der Vogel gehört zu den kleinsten, ist etwa zwölf Zentimeter lang und wiegt, wie Naumann schreibt, ohne Federn weniger als ein Zaunkönig, nämlich nur acht Gramm.

Der Gartenbaumläufer verteidigt sein nicht kleines Revier hartnäckig gegen seinesgleichen, dagegen ist beobachtet worden, daß beide Baumläuferarten nahe beieinander nisten. Das Nest, aus Reisern, Moos, Haaren und Federn, wird in Spalten und Löchern, meist hinter der abblätternden Rinde alter Bäume, angelegt. Auch in Holzstapeln ist es zu finden. Baumläufernistkästen, zwei bis vier Meter über dem Boden aufgehängt und mit einem Schlitz an der Seite, werden angenommen. Im Nest, das wohlgerundet ist, liegen vier bis sechs Eier, weiß, mit dunklen Flecken, beim Gartenbaumläufer mehr bräunlich. Nach etwa zwei Wochen schlüpfen die Jungen, die oft das Nest verlassen, noch ehe sie flugfähig sind, um sich vor Mäusen, Ratten, dem Wiesel und anderen Feinden in Sicherheit zu bringen.

Baumklette, Baumsteiger, Baumkletterlein sind, meist dialektgefärbt, Trivialnamen, die auf beide Arten unterschiedslos angewandt werden. Hans Sachs nennt den Baumläufer in seinem „Regiment der Vögel“ 1531 „Baumhecker“ und dichtet dazu: „Ich legt mich nieder, pflegt der Ruh und hört der Vögel Singen zu ...“

Baumläufer sind Jahresvögel, bleiben also auch im kältesten Winter bei uns. Zahlreich waren sie nie, doch sie waren überall in den Wäldern, in Gärten und im Park zu Hause. Im letzten strengen Winter sah ich sie auch in meinem Garten. Ans Futterhaus kommen sie nicht, doch unermüdlich suchen sie die Kiefernstämme, immer von unten nach oben huschend, nach Larven, Spinnen, Insekten und Insekteneiern ab.

In den Wäldern um Hamburg haben Zählungen, die einige Jahre zurückliegen, ergeben, daß der Buchfink etwa siebenmal so häufig ist wie der Baumläufer. Ich habe nicht gezählt, doch dem Augenschein vertrauend, wäre das ein sehr ermutigendes Ergebnis. Noch stehen die Baumläufer auf keiner roten Liste, aber ist auszuschließen, daß ein so unauffälliges Vögelchen ganz unbemerkt verschwindet? Die alten, knorrigen Bäume, die der Baumläufer zum Überleben braucht, erinnern an Veteranen: Sie sterben dahin. Was nachwächst, ist rank und glatt – Holzplantagen, in denen der Baumläufer kein Nest bauen kann.