Ror Wolf ist wieder da. Ganz verschwunden freilich war er nie, seit in den sechziger Jahren seine Alltags-Katastrophenberichte erschienen („Pilzer und Pelzer“). In den siebziger Jahren beglückte er das Lesepublikum mit Fußball-Spielen („Punkt für Punkt“), die den Sport und seinen Jargon auf eine ungeahnt artistische Ebene hoben.

Und nun: 82 Geschichten auf gerade 120 Seiten. Ein handliches, übrigens auch handwerklich mit bemerkenswerter Sorgfalt hergestelltes Buch. Es sind „ziemlich kurze“ Geschichten, genau das Richtige also für die Zeit- und Zeitgeist-Genossen. Briefing ist heute angesagt, die Kurzmitteilung mit enorm viel Inhalt: informative Neuigkeiten mit Sensationscharakter oder, wie man früher sagte, Novellen. Nach klassischer Definition mithin „sich ereignete unerhörte Begebenheiten“.

Hier knüpft Ror Wolf an: Männergeschichten, dem Titel nach zu urteilen. Ihre Heillosigkeit erweist sie jedoch, fatal genug, als Menschengeschichten, die sich ereignen, ereignet haben und immer wieder ereignen werden: „Ein Mann hatte sich bei einem Spaziergang verlaufen. Man hat ihn niemals wieder gesehen.“

Vordergründig betrachtet mag das banal erscheinen wie eine Boulevardblatt-Schlagzeile. Aber Vorsicht! Nur wenn man ihn schnell herunterliest, wirkt der Text wie ein nichtssagendes Kuriosum. Denn was passiert da eigentlich? Ein Mann hatte sich verlaufen. Wo er sich verlaufen hatte, wird nicht erörtert. Vielleicht hat er sich nur allmählich entfernt und ist in der Landschaft verlaufen? Alles eine Frage des Blickpunkts. Wenn der statisch ist, erscheint es als durchaus plausibel, daß man den Mann „niemals wieder gesehen“ hat. Es gibt schließlich viele Spaziergänge, die einer unternimmt, ohne sich an demselben Platz noch einmal sehen zu lassen.

Die Optik des Erzählers: Sie nachzuvollziehen, erhöht den Lesegenuß dieser Kurzgeschichten ganz entschieden. Aber es ist nicht allein der Erzählerstandpunkt, es ist auch die rabiat wechselnde Erzähltechnik, die diese bizarren Protokolle so spannend macht. Feststellungen relativieren sich im Nu zu Vermutungen, Ereignisse erweisen sich nach wenigen Worten als Hoffnungen, die schon im nächsten Satz zurückgenommen werden, weil sie, beispielsweise, nicht den Erwartungen der Leser entsprechen: „Es dürfte durchaus nicht unmöglich sein, sich vorzustellen, daß ein Mann, dem meine Art, Geschichten zu erzählen, nicht zusagt, in die Stube tretend ausruft: Meine Herren, es muß doch eine andere Art Möglichkeit geben, eine Geschichte von einem Mann zu erzählen.“

Allerdings gibt es die. Ror Wolfs Geschichten sind grotesk-komische Einblicke in die abstruse Befindlichkeit unserer Welt, in der alles und nichts auf einen Nenner zu bringen ist. Die daraus resultierende hilflose Logik, zusammengesetzt aus angeordneten Ereignissen, angehäuften Sensationen, lächerlichen Beiläufigkeiten, entsetzlichen Verbrechen, bedeutungslosen Geheimnissen ist hier neu zusammengesetzt zu einer positiv verwirrenden Montage, zu einem, pataphysischen Kaleidoskop.

Apropos Pataphysik: Es war Alfred Jarry, der vor gut achtzig Jahren die Wissenschaft der imaginären Lösungen kreierte. Die Surrealisten knüpften an seine Behauptungen an und verbanden ironisch die Kategorien von Traum, Verstand und Spaß. Nicht nur mit seinen an Max Ernst orientierten Collagen zeigt sich Ror Wolf diesen Traditionen verbunden. Er ist ein bewanderter Spötter und Spieler: „Ein Mann, ein Former oder vielmehr ein Farmer, kam nach Fermo, das in Italien liegt, um eine Farm zu kaufen. Er erzählte von einer Formel, mit der er das Interesse der Welt auf sich lenken und sein Glück machen werde. Eine Zeit später äußerte er die Absicht, eine Firma gründen zu wollen, verschwand aber kurz darauf in Formosa ...“ Dietrich Segebrecht