Von Nikolaus Piper

Manchmal kann es August Preuße* selbst nicht so ganz begreifen, was ihn so gelassen macht in diesen Tagen. Immerhin hat der knapp 55 Jahre alte Schauspieler aus Stuttgart seit dem 19. Oktober, seit jenem Schwarzen Montag also, an dem der Dow Jones an der New Yorker Wall Street um 508 Punkte in den Keller sauste, stolze 40 000 Mark verloren, überschlägig gerechnet. Das Kapital, das er – ein Durchschnittsverdienen, wie er sich selbst sieht – noch im vergangenen Sommer sein eigen nennen durfte, hat sich damit etwa halbiert. Sechs Jahre Engagement an der Börse, zuweilen durchaus mit Erfolg – und nun das.

„Es gibt schon Tage, an denen man richtig leidet. Da hilft einem dann auch kein Galgenhumor mehr.“ Dann ordnet Preuße im Kopf die Scherben seines einstigen Portefeuilles und kann seinen Zustand nur noch als „depressiv“ bezeichnen. So ein Tag war es zum Beispiel in der vorigen Woche – der graue Novemberhimmel lastete trübselig über Stuttgart –, da beschloß Preuße Hals über Kopf, seine dreihundert Dresdner-Bank-Optionsscheine zu verkaufen. Im Spätsommer hatte er 111 Mark für das Stück bezahlt, jetzt konnte er gerade noch 49 Mark dafür erlösen. Natürlich wußte er schon ein paar Stunden, nachdem er den Auftrag seiner Bank erteilt hatte, daß der Schritt dumm war. Aber wenn er sich vor Augen hält, wieviel Geld er jetzt haben könnte, wenn er, sagen wir, seit Juli *Name von der Redaktion geändert. immer die richtigen Anlageentscheidungen getroffen hätte, dann kommen schnell Beträge zusammen, die weit über die 100 000 Mark hinausgehen. Und Überlegungen dieser Art muß sich August Preuße im Interesse seiner eigenen Seelenlage verbieten – wenigstens für die nächsten Wochen.

Drei Millionen Bundesbürger haben nach Berechnungen des Düsseldorfer „Arbeitskreises Aktie“ ihr Geld wenigstens zum Teil in Aktien angelegt, zwei Millionen unter ihnen gelten als Kleinanleger mit einem Portefeuille von durchschnittlich rund 20 000 Mark. Wieviel Geld diese Kleinanleger nun seit dem großen Krach verloren haben, was davon Buchverlust geblieben ist und was realisiert wurde, das weiß gegenwärtig noch niemand unter den Geldexperten der bundesdeutschen Finanzwelt. „Eine repräsentative Untersuchung über die Folgen der Baisse für die Kleinanleger haben wir noch nicht begonnen. Wir wollen erst einmal abwarten, bis sich die Verhältnisse an den Märkten stabilisiert haben“, sagt Ulrich Fritsch, Geschäftsführer des Arbeitskreises, einer vom Kreditgewerbe und großen Aktiengesellschaften getragenen Organisation.

Immerhin gibt es schön einige Hinweise darauf, wie sich die Kleinanleger in den Tagen nach dem crash verhalten haben. „Die Privatkundschaft hier bei uns hat seit dem 19. Oktober überaus gelassen reagiert“, sagt Wilfried Heine, Anlageberater bei der genossenschaftlichen Hamburger Bank von 1861. „Siebzig Prozent der Kunden haben überhaupt nicht verkauft, zwanzig Prozent haben schon im Frühherbst Kasse gemacht, höchstens zehn Prozent haben tatsächlich in der Baisse verkauft.“ Die Zahl jener, die verkaufen mußten, etwa weil sie den Rahmen ihres Effektenkredites überschritten und die Bank „exekutierte“, läßt sich nach Heines Erfahrungen an einer Hand ablesen.

Auch andere bestätigen, daß die kleinen Anleger in der Bundesrepublik in erstaunlichem Ausmaß gelassen geblieben sind, als sich die Buchverluste in ihren Wertpapierabrechnungen summierten. In den ersten Tagen nach dem großen Krach hielten sich sogar viele an den Rat der Experten und kauften vermeintlich „billige“ Papiere dazu. „Am 21. Oktober haben die kleinen Leute massiv gekauft und es den Großbanken ermöglicht, ihre Bestände zu bereinigen“, stellt der Anlageberater einer Privatbank fest, „aber das dürfen Sie nicht schreiben.“

An seinen persönlichen Schwarzen Montag kann sich August Preuße noch genau erinnern. Nach dem Frühstück rief er, wie meistens, bei seinem Vermögensberater in der Bank an, um zu erfahren, daß sich die Kurse „im freien Fall“ befanden und daß es keinen Sinn habe, irgend etwas zu unternehmen. „Da habe ich einen Schweißausbruch bekommen und mich erstmal wieder ins Bett gelegt“, erinnert er sich heute. Am Abend habe er dann bei der Tagesschau einfach den Ton abgestellt, um die deprimierenden Nachrichten aus New York, Frankfurt und Tokio nicht hören zu müssen. „Im Grunde mache ich jetzt oft Vogel-Strauß-Politik“, deutet Preuße sein Verhalten und seine tatsächlich immer noch vorhandene Fassung.