Von Roger de Weck

Nun fürchten sie um ihr Leben und schweigen wie damals unter der Herrschaft von „Papa Doc“ und „Baby Doc“. Erst nach langem Zögern waren die fünf wichtigsten Präsidentschaftsanwärter so wagemutig, den Coup des Drei-Sterne-Generals Henri Namphy zu verurteilen: Am ersten Wahlsonntag seit dreißig Jahren ließ Namphy die Waffen sprechen, die Maschinengewehre und die scharfen Macheten. Im Blutbad, das die aus dem Untergrund aufgetauchten Häscher des alten und neuen Regimes – die tontons macoutes – anrichteten, ertrank die Demokratie und gingen die Hoffnungen der 5,5 Millionen Haitianer unter, derweil die Soldaten tatenlos zuschauten und die Mörder gewähren ließen, bis der zivile Wahlrat die Abstimmung absagte.

In Haiti, nur fünfzig Seemeilen von Kuba entfernt, wird auf absehbare Zeit das Militär alle Macht behalten. Die Befehlsgewalt über die knapp 8000 Mann starke Armee haben nicht weniger als siebzehn Generäle inne. Im ärmsten Land der westlichen Hemisphäre sitzen sie auf den Pfründen, die ihnen das verhaßte Regime der Duvaliers zugeschanzt hatte.

Der blutrünstige Vater, François Duvalier, war am 22. September 1957 unter die drei Kuppeln des Nationalpalastes zu Port-au-Prince eingezogen. Nach seinem Tod übernahm 1971 Papa Docs dicklicher und dümmlicher Sohn Jean-Claude die Nachfolge. Freilich mußte sich der „Präsident auf Lebenszeit“ am 7. Februar 1986 dem Volkszorn entziehen und nach Frankreich fliehen.

Doch zuvor setzte Baby Doc den Generalstabschef Henri Namphy als Vorsitzenden eines Nationalen Regierungsrats ein. Die Duvaliers sind weg, aber der Duvalierismus ist längst nicht dechoukiert (ausgemerzt), so das kreolische Losungswort der unterdrückten Haitianer. Das Militär konnte jetzt die „Gefahr“ abwenden, daß ein nicht genehmer Mann zum Präsidenten der ältesten schwarzen Republik, die 1804 ihre Unabhängigkeit ausrief, gewählt wurde.

Einer der aussichtsreichsten Kandidaten war der gemäßigte Politiker Marc Bazin, der einst als unbestechlicher Finanzminister den Zorn der korrupten Duvaliers auf sich lud, prompt sein Amt verlor und ab hoher Beamter der Weltbank Karriere machte. „Wenn er die Wahl gewinnt, will ich ihn eigenhändig exekutieren“, drohte der Oberst Jean-Claude Paul, der die Elite-Einheit der „Leoparden“ befehligt. War schon eine maßvolle Figur wie Marc Bazin nicht tragbar, so galt das erst recht für die gut placierten Bewerber aus dem linken Lager.

Offensichtlich gab es ein Tauziehen in der Armeeführung. Es scheint, daß Namphy zu jenen Offizieren hielt, die dem Demokratisierungsprozeß freien Lauf lassen wollten, weil sich der neue Präsident ohnehin den Militärs werde fügen müssen. Aber die härteren Generäle setzten sich schließlich durch. Die tontons macoutes („Onkel Leichenfresser“) krochen aus ihren Verstecken und terrorisierten die Bevölkerung, beschossen die Parteilokale, verwüsteten die Wahlbüros und steckten den Hauptsitz des regierungsunabhängigen „Provisorischen Wahlrats“ in Brand.