Im „Haus des Gastes“ sind sämtliche Türen verschlossen. Das Schwimmbad leistet sich eine Mittagspause. An der brettervernagelten Imbißbude nisten Schwalben. Auf dem Campingplatz wird geschrubbt, und im Whirlpool des Hotels darf lauthals gesungen werden. Selbst der See ruht sich vom Sommer aus: herbstliche Nachsaison im deutschen Mittelgebirge.

„Darfst ruhig Steine reinwerfen, mich stört das – nicht.“ Der freundliche Angler, der mit Daunenjacke und schilffarbenen Gummistiefeln der morgendlichen Kälte trotzt, ist offensichtlich gut gelaunt. Im Ruhrgebiet-Jargon lädt er die neugierige Dreijährige ein, seinen Fang zu besichtigen. Aus der weißen Plastiktüte schält sich ein hübscher Hecht heraus. Draußen, an der am Boot befestigten Leine, hänge noch einer, sagt der Angler, packt den ersten Fisch wieder ein und steigt ins Boot, den nächsten zu holen.

Sonja, das Großstadtkind, staunt. Wieder hat sie was Neues entdeckt am Rände des Diemelsees, einer jener großen Stauseen, die das Sauerland für die Naherholer aus dem Ruhrpott so interessant machen. Selbst dann noch, wenn ein großer Teil des Wassers wegen Reparaturarbeiten an der Staumauer abgelassen ist.

Der mit Steinen übersäte Uferstreifen wirkt nicht gerade ästhetisch, birgt jedoch für Kinder wahre Schätze. Sonjas Taschen füllen sich mit verrosteten Kronkorken, einer alten Silvesterrakete, einer total versandeten Schnapsflasche und natürlich mit Massen von Steinen, in die man Figuren hineindenken kann, Fische zum Beispiel. Auf dem Spielplatz des Strandbades ist die Wasserrutsche natürlich versperrt, die Wippe quietscht ob ihres Rosts. Vor den Umkleidekabinen sammelt sich das Herbstlaub.

In den gepflegten Vorgärten der Dauercamper welken auf zwei Meter mal ein Meter fünfzig die letzten Fuchsien. Noch einmal mäht ein Rentner im Trainingsanzug die badetuchgroßen Rasenstreifen. Hecken werden geschnitten, während die Frau den Wohnwagen winterfertig macht: naß schrubben, Teppiche ausklopfen, Blumenkästen leeren. Tannenbäume warten geduldig auf die Adventszeit, und eine ältere Camperin nutzt die spärlichen Sonnenstrahlen, um die lockengewickelten Haare unter dem Netzhäubchen zu trocknen.

Einem der Heringshäuser Campingplätze hat man ein Hotel vor die Nase gesetzt. Es nennt sich Fewotel und will damit eine doppelte Nutzung ausdrücken: Ferienwohnung und Hotel in einem. Das Appartement vom Typ „Sauerland mit Galerie“ hat so auch eine sogenannte Kitchenette, eine Kochnische mit Spüle und zwei Elektroplatten sowie einem Geschirrschrank. Der Kühlschrank ist zur Minibar umfunktioniert. Auf dem Schild draußen vor dem Hotel wird „ganzjährige Gästebetreuung“ versprochen. Doch jetzt in der Nachsaison ist das Programm dünn und die Lust einer vom Sommer gestreßten Betreuerin offensichtlich nicht allzu groß. Auf die Frage, ob sie die im Wochenprogramm angekündigte Glasbläserei-Besichtigung organisiere, antwortet sie eher unbestimmt: „Kann ich schon.“

Zu den Gästen zählen ältere und jüngere Paare ohne Kinder, viele aus Holland, sowie die durchweg männlichen Teilnehmer des Führungsseminars einer schwäbischen Bausparkasse. Man sieht sich beim Abendessen, manchmal beim Frühstück und am späten Nachmittag in der Sauna.