Vor dem Washingtoner Gipfel: Der große Durchbruch steht nicht zu erwarten

Von Christoph Bertram

Nun gipfeln sie wieder. Vor zwei Jahren in Genf kamen Michail Gorbatschow und Ronald Reagan zum ersten Mal zusammen, aber damals wollten sie zuwenig – es wurde ein Plaudergipfel zum Kennenlernen. Vor einem Jahr dann saßen sie sich in Reykjavik gegenüber, aber sie wollten zuviel – ihre unvereinbaren Visionen einer raketen- und weltraumwaffenfreien Welt blockierten den "großen Kompromiß" in der Abrüstung, der schon zum Greifen nahe schien. In wenigen Tagen nun treffen sie sich wieder, auf dem lange verschobenen Gipfel von Washington – und diesmal sind die Erfolgsaussichten sehr viel besser.

Das liegt vor allem daran, daß beide realistischer – und das heißt: bescheidener – geworden sind. Ronald Reagan, der noch vor einem Jahr auf dem Höhepunkt seiner Popularität stand, ist seither tief gefallen. Die Iran-Contra-Affäre hat sein Ansehen lädiert, der Crash an der Wall Street den Bankrott seiner Wirtschaftspolitik offenbart. Michail Gorbatschow, der noch vor kurzem als strahlender Führer der Reform die Sowjetgesellschaft endlich ins zwanzigste Jahrhundert zu führen versprach, hat empfindliche innenpolitische Rückschläge erlitten. Die beiden mächtigsten Männer der Welt haben innen- und außenpolitisch Lehrgeld zahlen müssen. Die entscheidende Frage ist nun, welche Einsichten dies befördert.

Eines haben sie offenbar gelernt dantische Regel der Diplomaten nämlich, Gipfeltreffen nur dann zum Erfolg werden, wenn ihr Erfolg vorher schon feststeht. Diesmal haben die beiden Außenminister alle Einzelheiten haarklein vorgeklärt, Überraschungen wird es kaum geben. Zudem haben sie im Genfer Schlußgalopp den Vertrag über die Mittelstreckenraketen zur Unterschriftsreife gebracht. Ihre Chefs können nun das Dokument mit allem protokollarischen Gepränge feierlich unterzeichnen.

Als "schöne Ouvertüre" hat Michail Gorbatschow den Vertrag bezeichnet, als Auftakt für tiefere Einschnitte in die Raketenarsenale beider Seiten. Aber auch auf sich allein gestellt wäre das Abkommen, das die SS-20, die Pershings und die Cruise Missiles aus der Welt schafft, ein Musikstück, das sich hören lassen kann. Binnen drei Jahren sollen rund 1200 sowjetische Raketen mit 3000 Atomsprengköpfen und 800 amerikanische Raketen mit ebensovielen Sprengköpfen ausgemustert werden, und dies unter Inspektionsregeln, die in der Rüstungskontrolle ihresgleichen nicht haben – und die vor einem Jahr auch noch niemand für möglich gehalten hätte. Der amerikanische Senat, der das Vertragswerk billigen muß, könnte zwar noch einen Strich durch die Gipfel-Rechnung, der Staatsmänner machen. Wahrscheinlich ist dies jedoch nicht angesichts der günstigen Aufnahme, die das Abkommen im Lande gefunden hat, schon gar nicht in einem Wahljahr. Die Ouvertüre kann erklingen.

Nur ein Teilerfolg