Johano Strassers Romandebüt „Der Klang der Fanfare“

Johano Strasser, bisher als Politiker und Wissenschaftler bekannt, hat einen Roman geschrieben. Seine Wende zur Literatur erklärt er damit, daß etwas Aufgestautes, daß „Bilder, Ängste, halbverdaute Erfahrungen ... nicht anders zu bewältigen waren“. Er will „etwas ans Licht heben“ und, nachdem er „Sprachschutt abgetragen und eine neue Rücksichtslosigkeit des Sehens, Fühlens und Sprechens eingeübt“ hat, uns nun die Geschichte von Karel Moises erzählen.

Wer sich durch die mehr als vierhundert Seiten voller Geschichten und Anekdoten durchgearbeitet hat, durch die Wahrheit jenseits von Tatsachen (garantiert mit faustdicker Symbolik), die zahlreichen Gedanken des Erzählers samt seinen tiefgründigen Hinweisen dazu, wie er Geschichten erzählt und wie wir sie verstehen sollen, der erfährt schließlich auf Seite 442 kurz und prägnant, daß es eigentlich darum gehe, „wie es anfängt mit Onkel Karel und mir und wie es weitergeht und endet und immer wieder anfängt .. .“.

Möglicherweise hätte Strasser einen wichtigen Beitrag zum Thema Vater-Sohn-Konflikt beizusteuern gehabt. Sein Ich-Erzähler gehört (wie Strasser selber) zur „vaterlosen“ Generation. Er wächst jedoch mit drei Vaterfiguren auf, die prototypisch die Konstellation der fünfziger Jahre spiegeln: Der leibliche Vater,, im Krieg gefallen, hat weder Gesicht noch Geschichte – er zählt allein als Vermittler von Rentenansprüchen; der spätere Arbeitgeber und Freund der Mutter, Dr. Zelebat, vertritt die vertrauten Ordnung-Sauberkeit-Leistungs-Ideen und demonstriert, daß man für Geld (beinahe) alles kaufen kann; und dann ist da noch Mutters Lebensgefährte, Onkel Karel – die sanfte Alternative mit guter Vergangenheit, humanistischen Idealen und ganz frei von jeglicher Begabung, im Wirtschaftswunderland Karriere zu machen.

Auf eine Auseinandersetzung mit diesen verschiedenen Vaterbildern läßt Strasser sich nicht ein. Wichtig ist ihm allein das verstörte Verhältnis des Ich-Erzählers zu Karel. Obwohl es die Frage ist, ob es einem Sechzehnjährigen anzulasten ist, daß er vom reichen Hausfreund ein Fahrrad als Weihnachtsgeschenk akzeptiert, und ob er dabei mitgehalten hat, den Onkel durch seinen Verrat in den (zu frühen) Tod zu treiben, läßt ihn sein Anteil an Schuld auch zwanzig Jahre später nicht ruhig schlafen. Karel Moises und mea culpa. Doch was macht dieser Erzähler mit seiner Schuld? Anstelle von Trauerarbeit präsentiert Strasser die Rekonstruktion vom Leben und Sterben eines Menschen als grandiose Inszenierung. Sein Ich-Erzähler erschafft sich einen tragischen Helden-Vater-Ersatz und greift dazu – wohl ohne Absicht, aber nicht ohne innere Logik – tief in die Kiste von Kitsch & Klischee.

Gesang auf dem Nachttopf

Das beginnt mit Pauken und Trompeten. Karel Moises wird am 1. Mai 1916 als Sohn eines sozialistischen Druckereibesitzers im niederländischen Leeuwarden geboren. Zu diesem Anlaß läßt der Erzähler „Aufstellung nehmen“, schickt den Mai-Umzug der friesischen Genossinnen und Genossen erst probeweise über zwei traditionelle Routen (acht niederländische Straßennamen, dreimal wiederholt, das hilft dem genius loci auf die Sprünge), und erst dann gibt er Befehl, in die kleine St. Jacobsstraat zu marschieren, wo just in diesem Moment, als die Kapelle den Refrain „Völker hört die Signale“ intoniert, das freudige Ereignis stattfindet. Karel Moises, nein, ein neuer Erlöser wird geboren, und das einfache Volk, der Erzähler ahnt es, weiß sich tümlichst zu verhalten: „Sieht man nicht Frauen nach ihrem Taschentuch tasten, weil ihnen vor Ergriffenheit die Tränen kommen? Und knieten nicht einige gar nieder, wenn das Gedränge sie nicht hinderte?“ Folgt der Kommentar: „So hätten sie wohl noch eine Weile dagestanden, selig, ihre Sehnsucht nach einfachen Bildern für einen Moment erfüllt zu sehen.“