Von Bartholomäus Grill

Es ist zu Ende, es gibt nichts zu sagen" – so sprach vor Wochenfrist nicht etwa ein Schauspieler in Becketts "Endspiel", sondern ein deutscher Minister. Freilich ging es auch in seinem Fall um absurdes Theater: Soeben war nach dem Abbruch des Stückes "Agrarreform" der Vorhang auf der Europa-Bühne zu Brüssel gefallen, und Bundesernährungsminister Ignaz Kiechle, einer der tragischen Helden, resümierte den Reinfall. Ihm und seinen elf Kollegen war es wieder einmal nicht gelungen, im Vorfeld des Kopenhagener Gipfels ein gemeinsames Konzept zur Eindämmung der horrenden Agrarausgaben der Gemeinschaft auf den Tisch zu legen.

Die EG-Kommission hatte zwar ein Dreh- und Sparbuch erarbeitet (die Kosten für Exportsubventionen, Preisstützung, Lagerung und Vernichtung von Überschüssen verschlingen zwei Drittel des Gesamtetats); doch solche Anweisungen fruchten nicht, abgesehen davon, daß einige Akteure nur unwillig mitspielen und durch nationale Egoismen eingeengt werden. Alle sind sich einig, daß schleunigst etwas geschehen muß, keiner scheint jedoch in der Lage, Breschen in den Dschungel der Agrarbürokratie zu schlagen und einer radikalen Reform den Weg zu ebnen. Sind die Politiker mit ihrem Landwirtschaftslatein am Ende?

Der Überfluß muß gedrosselt, der Überschuß abgebaut werden, wenn die EG vor der Pleite bewahrt werden soll. Bleibt es beim Agrar-Schlamassel, sind nicht nur die hehren Träume von der europäischen Einheit ausgeträumt, sondern auch die Lebensgrundlagen des Kontinents gefährdet. Denn in einer Erzeugerschlacht führen die Bauern zwischen Sizilien und Dänemark Krieg gegen die Natur. Angeregt durch ein aberwitziges System, produzieren sie auf Teufel komm raus und belasten Boden und Wasser mit den Segnungen der Chemie; für ihre Erzeugnisse erzielen sie Garantiepreise weit über dem Weltmarktniveau, die Verbraucher erhalten zum Teil miserable Ware. Der Gießener Professor Peter Michael Schmitz hat errechnet, daß der EG-Bürger durchschnittlich 1,50 Mark für Nahrungsmittel und Steuern hinblättert, damit der Landwirt eine Mark verdient: Ein Drittel versickert.

Zu Recht ertönt der Ruf nach mehr Marktwirtschaft in der Landwirtschaft. Allerdings übersehen diejenigen Ökonomen, welche den Regelmechanismus von Angebot und Nachfrage einklagen, zumeist dessen zwingende Folgen: Die kostengünstiger, intensiver arbeitenden Agrarunternehmen würden dann die kleineren und mittleren Betriebe vollends verdrängen. Das auf die Spitze getriebene Prinzip "Wachse oder weiche" würde ein einzigartiges Bauernsterben auslösen; in industriearmen Regionen wüchse ein Millionenheer von zusätzlichen unqualifizierten Arbeitslosen heran. Ganz zu schweigen von den gefährlichen Umweltbelastungen, die den Konzentrationsprozeß der Landwirtschaft begleiten würden, von der drohenden Entvölkerung ländlicher Räume ("Sozialbrache" heißt das im Jargon der Agrarsoziologen). Eine solche Wende wäre radikal, nicht aber vernünftig, marktwirtschaftlich, nicht aber sozial.

Reformen an Haupt und Gliedern sind unumgänglich. Die Kardinalfrage in der Agrarpolitik wagen sich die Verantwortlichen indes nur hinter vorgehaltener Hand zu stellen: Welche landwirtschaftliche Produktionsweise wollen wir in Zukunft? Wünschen wir ein nach industriellen Kriterien funktionierendes Erzeugersystem: wenige, dafür hocheffiziente Agrarfabriken, kolchosähnliche Gebilde, kombiniert mit Verarbeitungs- und Saatgut-"Industrien"? Oder ist das Ziel die Erhaltung der bäuerlichen Familienbetriebe?

In ihren Reden bekennen sich Politiker und Bauernverbandsfunktionäre zum konventionellen Bauern. Tatsächlich graben sie ihm das Wasser ab. Seit 1949 fielen fast eine Million kleinere und mittlere Betriebe dem Strukturwandel zum Opfer. Grund: Sie "rüsteten" zu langsam auf oder übernahmen sich finanziell dabei, weil sie nur die Brosamen vom fetten Subventionskuchen ergatterten. Gewiß, die falsche Zukunft der Agrarindustrie hat längst begonnen, doch wir stehen an einem Wendepunkt, an dem Kurskorrekturen noch möglich sind. Hermann Priebe, einer der führenden europäischen Agrarwissenschaftler, fordert seit Jahren einen dritten Weg zwischen Dirigismus und Ökonomismus – "eine sozial und ökologisch abgesicherte Marktwirtschaft", die langfristig Gleichgewichte am Markt und im Naturhaushalt anpeilt. Nur überschaubare Betriebseinheiten, die der Kreislaufwirtschaft verpflichtet sind, erzeugen umweltfreundlich; eben diese aber wären bei einer schlagartigen Einführung des Wettbewerbs den niedrigen Weltmarktpreisen nicht mehr gewachsen. Denn nur Masse macht dann noch Kasse. Es ist eine allmähliche Annäherung an das internationale Preisniveau geboten. Will man dabei eine Lawine sozialer Härtefälle vermeiden, muß dieser Schritt durch einkommens- und strukturpolitische Maßnahmen flankiert werden. Auf lange Sicht ist eine ökologisch modernisierte Landwirtschaft anzustreben.