Rom ist in Not. Kardinal Ugo Poletti, Vikar des Papstes, hat das Musizieren in Kirchen verboten. In dieser Saison müssen für 300 Konzerte andere Räume gefunden werden.

Tatsächlich gab es schon seit geraumer Zeit einen Ukas des Vikariats, der die Tonkunst in Kirchen auf die „Musica sacra“ beschränkt. Doch in Rom nimmt man Vorschriften nicht allzu genau. In zunehmendem Maße präsentiert sich Italien als das Reiseland für kulturell interessierte Menschen. Die Ortspfarrer, oft Verwalter von vielbeachteten Kulturdenkmälern, zeigten sich meist auch den Musikern gegenüber großzügig. In Sant’Ignazio nahe der Piazza Venezia, in Sant’Agnese in Agone an der Piazza Navona und in der Kirche Ära Coeli auf dem Kapitol waren nicht nur Palestrina-Messen zu hören, sondern auch Kompositionen von Debussy, Ravel und Bartók. „Viele Aufführungen hatten nicht die geringste religiöse Motivierung“, kritisiert Don Pablo Colino, als Maestro der päpstlichen Basilika St. Peter nicht gerade ein unvoreingenommener Zeuge.

Pianisten, Violinisten und Kammerchöre, die der Kardinal vor die Tür gesetzt hat, machen sich andere Gedanken über den neuen Wind, der jetzt unter dem Kirchendach weht. „In der Zeit des Kirchenstaates war nur den Hunden ausdrücklich der Aufenthalt in den Gotteshäusern verboten“, meint einer von ihnen sarkastisch, „künftig werden auch Mozart, Beethoven, Bach, Brahms und Strawinsky draußen bleiben müssen.“ In der gerade erst angelaufenen Saison hatten mehrere norddeutsche Orchester und Chöre, ohne den Kardinal gefragt zu haben, mit protestantischen Werken der barocken und klassischen Zeit einen Beitrag zur praktischen Ökumene leisten wollen.

Das ist nun nicht mehr erwünscht. „Musik darf auch künftig noch aufgeführt werden“, läßt Monsignor Virgilio Levi wissen, der Sprecher des Kardinals Poletti, „sie muß nur seelsorgerischen Zielen folgen. Sie muß religiöser Natur sein. Sie darf nicht regelmäßig angeboten werden. Sie muß kostenlos sein.“ Spätestens an dieser Stelle begehren die örtlichen Pfarrer auf: Bisher hatten die Veranstalter ihren schmalen Kirchenetat pro Abend um 250 bis 800 Mark aufgebessert.

Geld indessen ist nicht das einzige Argument gegen das Verbot der Musik in Roms Kirchen. Ferruccio Vignanelli, einer der großen Organisten unserer Zeit, der früher die Ehre hatte, am päpstlichen Institut für Musica sacra zu unterrichten, kann es nicht fassen: „Diese Entscheidung ist von Menschen getroffen worden, die keinen Geschmack haben. Ich glaube, daß wahrhafte Kunst immer in der Kirche aufgeführt werden kann. Und außerdem hat es in der Kirchenmusik immer ein profanes Element gegeben.“ An die Stelle von deftigen, oft sogar anzüglichen Strophen seien häufig geistliche Texte getreten, wenn die Melodien nur schön waren. Der römische Dirigent Giuseppe Sinopoli sagt es ohne Umschweife: „Was das Vikariat uns zumutet, ist eine Parodie auf die spanische Inquisition.“

Der Papst selber ist nicht abgeneigt, Konzerten zu lauschen, auch wenn sie nicht über ein geistliches Leitmotiv verfügen. Jahr für Jahr präsentiert sich das Orchester des Staatsfernsehens RAI vor Johannes Paul II. und spielt klassische und moderne Meister, ohne daß der Heilige Vater daran Anstoß nimmt.

Trotz der über der römischen Musikwelt hängenden Gewitterwolken sind die Kunstfreunde der Hauptstadt zuversichtlich. Sie können nicht glauben, daß sich eine engstirnige Anweisung gegen die reiche Tradition des Landes durchsetzt. Vielleicht genügt ein taktisches Nachgeben. „Der heftige Applaus des Publikums in den Kirchen war wohl wirklich übertrieben“, gibt der Dirigent Carlo Maria Giulini zu bedenken. Mag sein, daß Zurückhaltung beim Klatschen der Kunst zum Sieg verhilft.

Horst Schlitter