Von Ulrich Schiller

Washington, im Dezember

Die Gorbatschows werden mit Einladungen überschüttet: auf eine Schweinefarm in Illinois, zur kirchlichen Vesper nach Michigan, in die Wärme Floridas, nach Disneyland, zur New Yorker Börse. Nähmen sie alle an, sie könnten Jahre in den Vereinigten Staaten verbringen, um am Ende womöglich von den Vorzügen des American Way of Life überzeugt zu sein, die auch Gipfelgastgeber Ronald Reagan gern anschaulich gemacht hätte. Ob nun mit oder ohne missionarische Motivation: Das gastfreundliche Amerika hat für Michail und Raissa Gorbatschow den roten Teppich ausgerollt. Der „Gorby“-Kult ist plötzlich in, Hammer und Sichel erscheinen auf T-Shirts und Hosenträgern in den Boutiquen von Georgetown, sowjetische Modenschauen erregen Aufsehen, wo vor zwei Jahren noch das Negativklischee unförmiger Babuschkas herrschte. Veranstalter von Touristenreisen in die Sowjetunion registrieren eine Verdoppelung der Nachfrage, selbst Russisch-Kurse an den Universitäten haben Aufwind.

Auf der anderen Seite ziehen die eingefleischten Anti-Kommunisten hart wie eh und je vom Leder. Ohne Scheu warnt der republikanische Senator Symms aus Idaho Land und Leute davor, „mit einem Haufen von Banditen, die stets gelogen und betrogen haben“, einen Abrüstungsvertrag zu schließen; und Patrick Buchanan, bis vor einem Jahr Reagans PR-Direktor, befindet, 108 Pershing-Raketen seien eine bessere Sicherheitsgarantie als ein weiteres Stück Papier, welches „das größte Pack diplomatischer Schwindler seit der Ribbentrop-Bande in Nazideutschland“ gegenzeichnet. Siebzig republikanische Abgeordnete und Senatoren haben in letzter Minute mit größtem Einsatz verhindert, daß dem sowjetischen Generalsekretär die Ehre eines Auftritts vor beiden Häusern des Kongresses zuteil wurde. An diesem Wochenende formieren sich auch die Demonstrationen gegen Gorbatschow – der Juden, Afghanen, Ukrainer, Polen und Litauer.

Händeringend bemerkt angesichts all dessen der Sowjetologe Dimitri Simes: „Alle populistischen Kulturen haben die Tendenz, von einem Extrem ins andere zu fallen ... entweder dämonisieren wir jemanden total oder wir überschütten ihn mit Begeisterung.“ Auf die Umstände und Akteure kommt es an, wohin das Pendel jeweils schwingt. Jetzt scheint es, als würden sich die auch in Amerika wachsenden Widerstände und Abneigungen gegen alle Nuklearrüstungen mit den auf die Person Gorbatschows konzentrierten Erwartungen zu einem Kairos verbinden: zur Gunst des Augenblicks, der weitreichende Vereinbarungen mit der konkurrierenden Großmacht ermöglicht.

Das Besondere und zugleich Schwierige für viele Amerikaner ist die Tatsache, daß ihr Präsident Ronald Reagan, der vor wenigen Jahren noch die Sowjetführer in ihrem „Reich des Bösen“ des Lugs und Betrugs aus Prinzip bezichtigte, jetzt die Trommel für tief in die Nuklearwaffenarsenale einschneidende Abrüstungsvereinbarungen mit der Sowjetunion rührt. Reagan, der den Vorwurf sowjetischer Verstöße gegen Salt- und ABM-Vertrag immer wieder zum Hebel seiner Politik gemacht hat – ausgerechnet er ist nun bereit, der Sowjetunion die Glaubwürdigkeit einer Friedenspartnerschaft zu bescheinigen, die ja schließlich hinter dem Schirm der Abrüstungsvereinbarungen aufgebaut werden soll.

Kein Wunder, daß dies den Erzkonservativen und in der Wolle gefärbten Reaganites nicht „runtergeht“. Doch der amerikanische Präsident stolpert bei seiner ursprünglichen Gefolgschaft heute nicht nur über seine eigene Rhetorik von gestern; der Widerstand in den Reihen der alten Reagan-Ideologen geht tiefer. Wenn Reagan nicht mehr Reagan sein wolle, so kommentierte das Wall Street Journal dieser Tage, dann müsse man eben einen anderen finden. Oder, wie es in diesem Kommentar an anderer Stelle hieß: Es gehe nicht darum, daß sich die Reagan-Revolution verlangsamt habe, sie habe ihren Rückzug beschleunigt. Kompromisse mit den Demokraten im Kongreß um Steuern, Defizitverringerung, SDI-Finanzierung und Mittelamerika-Politik werden dafür genauso angeführt wie die Abrüstungsbereitschaft Reagans vor dem Hintergrund seiner Vision von den Segnungen einer nuklearwaffenfreien Welt.