Von Hansjakob Stehle

Zähneknirschend, aber gehorsam mußten die Schützen zum erstenmal zu Hause bleiben. In ihren bunten Trachten waren sie jahr-Südtiroler als Ordnungshüter und Folklore-Zutat der „Landesversammlungen“, der Parteitage der Südtiroler Volkspartei (SVP), geschätzt, doch an diesem 28. November blieben sie aus dem Meraner Kurzentrum verbannt. Ihr Kommandant ließ sogar vorsorglich die Galerie im Kongreßsaal durchsuchen, „damit sich nur ja keiner – und sei es ohne Feder am Hut – hereingeschmuggelt hat“. Denn beim letzten Parteitag im April 1986 hatten sie mit radikalen Parolen den Aufstand geprobt und das selbstgefällige Versammlungsritual durchbrochen. „Scham’ts Euch, Schützen zu sein!“ hatte ihnen Silvius Magnago, der große Vorsitzende, zornbebend zugerufen. Diesmal aber verlas er ungestört zweieinhalb Stunden lang den seit dreißig Jahren längsten und für die meisten der über tausend Delegierten auch langweiligsten Bericht zur keineswegs spannungslosen Lage der „Nation“ – der deutschsprachigen Minderheit im italienischen Staat.

Gehörte auch das zur Taktik des 74jährigen Kämpen, der seine Landsleute immer schon mit Wechselbädern von Alarm und Besänftigung vor Resignation wie vor Empörung zu bewahren versuchte? „Saftiger“ werde seine Rede im zweiten Teil, versprach Magnago schon im voraus, und so hob sich dann auch manchmal seine Stimme zu fast schrillem Fistelton: Das „Wiederaufleben eines gefährlichen italienischen Nationalismus“ habe im Juni den Wahlerfolg der Neofaschisten in Südtirol erwiesen; die neunzehn Sprengstoffanschläge dieses Jahres, für die es keine Rechtfertigung gäbe, „ja nicht einmal eine menschliche Erklärung weder für Südtiroler noch für Italiener“, förderten neuen Haß.

Liegt das aber nur an dem – laut Magnago – „beschämenden Kuhhandel“, mit dem sich Italiens demokratische Parteien dafür aussprachen, die restlichen, seit neunzehn Jahren verschleppten Durchführungsbestimmungen zum Südtiroler-Autonomiestatut (siehe, ZEIT-Dossier Nr. 42) endlich bis Jahresende zu erlassen? Daß sie empfehlen, dies „möglichst im Einvernehmen“ mit der SVP zu tun, deutete Magnago in erprobtem Mißtrauen so, als ob die Italiener „auch ohne unsere Zustimmung“ zum Abschluß kommen wollten. Und wenn es gleichwohl ein gutes Ende wäre? Da nicht sein kann, was nicht sein darf (weil Magnagos Volkspartei in diesem Falle fast arbeitslos würde), ist dem ein Riegel vorgeschoben: Es gäbe bis heute nicht einmal eine Einigung darüber, wie viele dieser Durchführungsbestimmungen überhaupt noch fehlen, sagte Magnago. Diese eher beiläufige Mitteilung des Vorsitzenden ließ erkennen, daß die leidige Frage noch lange offen bleiben wird und soll.

Freilich wird hinter derlei Taktieren auch immer mehr Mißbehagen spürbar. Magnago gestand „Unterlassungssünden“. „Parliamoci – reden wir miteinander“, lautet der Titel eines Informationsblattes, mit dem die SVP sich künftig auch den Italienern verständlich machen will. Ein wenig will die SVP sogar in der leidigen Sprachenfrage entgegenkommen: Zwar bleibt sie dabei, es „unverantwortlich“ zu nennen, wenn Italiener ihre Kinder in deutschsprachige Kindergärten schicken (wo sie die später geforderte zweite Sprache spielend erlernen könnten), doch Magnago schlug jetzt immerhin vor, „versuchsweise“ bereits in der ersten Volksschulklasse mit dem Unterricht der anderen Sprache zu beginnen.

„Italienische Kinder müssen in die Südtiroler Gemeinschaft hineinwachsen dürfen; daß sie Deutsch lernen, ist doch unser eigenes Interesse“, gab der Delegierte Franz von Walther dem Parteitag zu bedenken und erntete Empörung: „Wir lassen unsere Schulen nicht unterwandern!“ rief ihm der alte Kämpfer Landesrat Zeiger zu, der sich dann von einem Jugendvertreter aus Bozen sagen lassen mußte: „Sie sind überholt!“

In solchen Augenblicken dieser Debatte, die Magnago an nur einem Nachmittag mit Fünf-Minuten-Beiträgen durchpeitschen ließ, kam der Generationenkonflikt in der SVP, aber auch die untergründige Opposition gegen verkrustete Denkgewohnheiten zum Vorschein. Magnago, der „große Alte“, ist ein kaum verrückbares Monument geworden, an dem jetzt die Freunde doch zu rütteln beginnen. So war zwar Magnagos Wiederwahl (mit 88 Prozent der Delegiertenstimmen) im voraus gewiß – zumal sich bislang kein denkbarer Nachfolger zutraut, die Balancekünste Magnagos zu imitieren –, doch angestauter Unmut machte sich respektvoll Luft: Der Vorsitzende sei zur Legende geworden, und diese möge auch weiter gepflegt werden, doch müsse Schluß sein mit „Personenkult und Lobhudelei“, so rief gleich als erster Redner Hans Rottensteiner und stellte fest: „Wir sind schon lange keine Volkspartei mehr, die Basis trägt Sie nur mit halbem Herzen.“