Von Rüdiger Dammann

Abwehr und Verlangen, überhebliche oder angsterfüllte Distanz und verzückte, hoffnungsfrohe Annäherung sind die beiden Pole, zwischen denen sich unser Verhältnis zu dem Fremden und den Fremden seit jeher bewegt. Das eigene Unbewußte, das andere Geschlecht, der Tod oder die anderen Kulturen – um nur vier der traditionell größten, weil fremdesten Attraktionen zu nennen – provozieren Deutungen und schaffen Sehnsüchte, die unsere Phantasie beflügeln. Daß solche Phantasien nicht nur notwendige Utopien transportieren, sondern auch Unheil und Verderben bringen können, davon legen zum Beispiel Vergangenheit und Gegenwart des europäisch-überseeischen Kulturkontaktes, beredtes Zeugnis ab.

Der gezähmt-zähmende Blick, den unsere Vorfahren „ablehnend“ auf die Barbaren oder „verlangend“ auf die Edlen Wilden richteten, und der ihr Handeln entsprechend rechtfertigte, lebt in unserer Wahrnehmung zwar in sublimer Form, aber ungebrochen fort. Die Neigung, das Fremde auf das Eigene zu beziehen und das Eigene auf das Fremde zu projizieren, wird durch Werbung und Tourismus, durch die Kulturindustrie sogar noch veredelnd geschürt. Die ökonomische Verwertung des Fremden ist jedoch nur eine weitere Epoche in der Geschichte der dialektischen Verschränkung von kultureller Fremd- und zivilisatorischer Selbsterfahrung. Was ich über das Fremde sage, bleiben Zuscnreibungen auf dem Hintergrund meiner Welt. Insofern bot und bietet das Fremde also nichts Neues.

„Abwehr und Verlangen“ ist auch der Titel des jüngsten Buches des Völkerkundlers und Religionswissenschaftlers Karl-Heinz Kohl. Er hat sich wie kaum ein anderer um die Geschichte der interkulturellen Wahrnehmung, der Beschaffenheit des auf das Fremde gerichteten Blicks verdient gemacht. Ob er, wie in „Exotik als Beruf“ (1979) am Beispiel namhafter Ethnologen die besonderen Bedingungen untersuchte, unter denen Feldforscher zu ihren Daten gelangen, oder ob er, wie in „Entzauberter Blick“ (1981) die zivilisationskritischen und apologetischen Motive der Entstehungsgeschichte des Bildes vom Guten Wilden rekonstruierte und letztlich die Entdeckung fremder Kulturen damit als Selbstentdeckung Europas interpretierte – immer ging es Kohl um die Momente von Imagination, Realitätssinn und Zivilisationsflucht, die sich in eigentümlicher Verschränkung bei allen „Spezialisten“ im Umgang mit dem Fremden aufzeigen lassen.

Die Erlebnisse, Wahrnehmungen und Beschreibungen von Entdeckern, Forschungsreisenden und Ethnologen waren und sind im wesentlichen durch den begrenzten Erfahrungshorizont ihrer eigenen Kultur bestimmt. Die daran sich notwendig anschließende und für jede Sozialwissenschaft entscheidende Frage, ob denn ein Verstehen fremder Lebensäußerungen und Kulturen überhaupt möglich ist, ohne zum Fremden zu konvertieren oder es gewaltsam zum Eigenen umzugestalten, ist auch wieder das erkenntnisleitende Interesse der nun vorgelegten Arbeit Kohls. „Abwehr und Verlangen“ ist eine Sammlung von Aufsätzen, die – bis auf einen Originalbeitrag – zwischen 1979 und 1986 an verschiedenen Stellen publiziert wurden und nun endlich geschlossen vorliegen – endlich, weil sie als Einheit an Demonstrationskraft gewinnen.

Alle Aufsätze verbindet ein gemeinsames Ziel: Es geht um eine Art Ikonographie europäischer Vorstellungen über ferne Kulturen, um die exotistischen Faszinationen, die auch und gerade diejenigen beeinflussen, die sich über das Medium Wissenschaft die Exotik zur Profession gemacht haben. So gilt die kritische Aufmerksamkeit Kohls in erster Linie jener Wissenschaft, der Ethnologie, die als Sachwalter fremden Wissens für sich in Anspruch nimmt, fremde Lebensformen zu verstehen und gültig erklären zu können. Diesen Anspruch stellt Kohl in seinen Abhandlungen, die er vorsichtig, aber treffend als „Vorarbeiten zu einer Motivgeschichte der Ethnologie und des ethnographischen Blicks“ definiert, zur Diskussion.

In einem biographischen Essay zu Bronislaw Malinowski, einem der Gründerväter der modernen Ethnologie, sowie in historischen Skizzen zur ethnologischen Begriffsbildung, gelingt es Kohl zu zeigen, daß die ethnographische Forschung notwendig selektiv verfährt und die darauf beruhende Theoriebildung diesen Selektionsprozeß entweder reproduziert oder gar verdoppelt. In seinen Tagebüchern gestand Malinowski, daß die Anthropologie ihm als Fluchtweg aus unserer genormten Kultur diente. Immer auf der Suche nach dem „wirklichen Leben“ richtete er deshalb seinen von romantischen Sehnsüchten gefilterten Blick auf die scheinbare Unmittelbarkeit primitiven Lebens. Beobachtungen, die dabei den eigenen Wunschvorstellungen widersprechen könnten, werden allzu leicht entweder verdrängend vermieden oder aber entsprechend modifiziert. In den Worten Kohls: Der Blick richtet sich in erster Linie auf „die Differenz im scheinbar Identischen und das Identische im scheinbar Differenten“ – wie es gerade genehm ist.