Den Stoff zu dieser Glosse verdanken wir Herrn Pfarrer Alexander Siebenhärl, Diener seiner Kirche in Sankt Magdalena. Hochwürden Siebenhärl ist 67 und ein Mann des allerstrengsten Zölibats. Auch manche Wörter weiblichen Geschlechtes, wie zum Beispiel „Aufklärung“, gehören zu den Objekten seiner Entsagung. Alexander Siebenhärl hat ein Gelübde getan, aber Gott hat es ihm damit nicht leicht gemacht. Sankt Magdalena, Siebenhärls Pfarre, die man in den südlichsten Folkloregebieten vermuten würde oder über der Almengrenze, wo es bekanntlich koa Sünd’ gibt (und koa Aufklärung), liegt in Ottobrunn, einem 20000-Seelen-Ort bei München, kaum 15 Taximinuten vom Marienplatz entfernt. Man sagt dem Ort die höchste Akademikerdichte der Republik nach. Der größte Arbeitgeber von Ottobrunn ist der Waffen- und Technologiekonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm. In diesem Ort also liest Pfarrer Siebenhärl einer bayernüblichen CSU-Mehrheit die Messe.

Ein schöner Friede lag gerade über dem sauberen MBB-Städtchen, als es plötzlich nach Schwefel roch: für Alexander Siebenhärl der Geruch des Teufels, nicht der Kanonen. Rainer Burbach, Magister der Künste, vormals Leiter des Kulturamtes in Lindau, war im Oktober vorletzten Jahres in das Wolf Ferrari-Haus, das superteure Kulturzentrum von Ottobrunn, gewechselt. Für den 25. November 1987 hatte er den mephistophelischen Plan, das Berliner Tourneetheater Greve mit Rolf Hochhüths „Stellvertreter“ im Wolf Ferrari-Haus gastieren zu lassen. Aber wer hier wessen Stellvertreter war, hatte Hochwürden Siebenhärl, ein Mann, wie wir wissen, nicht nur des strengsten Zölibats, sondern auch des äußersten Geruchssinns, längst entdeckt. Bei Hochhuth geht es um Papst Pius XII. (und das Schweigen der Kirche während der Nazi-Zeit). Jetzt sollte nicht länger geschwiegen werden. Siebenhärl hatte in Burbach Luzifers Stellvertreter entdeckt (und in dessen „Stellvertreter“ – Einladung ein teuflisches Verwirrspiel). Im Januar, kurz vor der Bundestagswahl, sprach es Siebenhärl vor seinen Gläubigen aus. Die CSU sei für einen Christen nicht mehr wählbar, wenn sie das „Stellvertreter-Gastspiel nicht absetze. Was CSU-Bürgermeister Horst Stähler-May, vormals Professor an der Hochschule der Bundeswehr in Neubiberg, sofort in doppeltem Sinne richtig verstand. Das vorläufige Endergebnis des Ottobrunner Kulturkampfes lautete: Hochhuth abgesetzt, Burbach aus dem Amt.

Das war die Stunde der Sozialdemokratie. In gewohnter Kühnheit sprang sie (zusammen mit einer Bürgerinitiative „Kulturprogramm“) in die Bresche und ermöglichte das graue Tourneetheater-Gastspiel endlich doch. Drei Einsatzwagen der Polizei beschützten das Wolf Ferrari-Haus. Hochhuth war persönlich gekommen. Gutgekleidet und in Siegerlaune nahm Rainer Burbach in der ersten Parkettreihe Platz. Burbach, ein Mann, der an die Werte der Aufklärung glaubt und an den Sinn bürgerlichen Protests; an den aufrechten Gang und an den geradlinigen Weg. Der Preis, den er zahlte, der Verlust seiner wirtschaftlichen Existenz, schien ihm dafür nicht zu hoch. Ein bißchen romantisch kamen einem die Siegerszenen von Ottobrunn vor. Nichts war mehr zu spüren vom Zynismus der Macht.

Burbach war Sieger – für einen Tag. CSU, und Kirche werden künftig noch restriktiver mit dem Kulturprogramm des Wolf Ferrari-Hauses verfahren. Trotz der sogenannten Akademiker-Dichte werden sich die politischen Mehrheiten in Ottobrunn wohl nicht verändern. Akademiker – ein etwas feierliches Wort für die Tatsache, daß in Ottobrunn wissenschaftlich hoch qualifizierte Mannschaften für MBB arbeiten. Auch weiterhin wird Bürgermeister Horst Stähler-May eine Gedenktafel für die Opfer des Konzentrationslagers, das früher als „Außenstelle“ Dachaus in Ottobrunn stand, verhindern dürfen. Letztlich war der Streit in Ottobrunn kein „Stellvertreter“-Konflikt, wie es in der Presse hieß (und wie ihn Burbach führte). „Macht und Herrschaft in Ottobrunn“ hieß das Stück. Nach Burbachs Weggang sind die Machtverhältnisse geklärt. Um viel mehr geht es zur Zeit nirgends.

Burbach sitzt jetzt in seiner Wohnung in der Münchner Himmelreichstraße. Der Aufrechte: ein Wort, das nur noch im Singular gebraucht wird. Auch Burbachs Koalitionspartner Hochhuth ist kein Tadelloser. Hat er nicht erst neulich die Kritik des Schriftstellers Gerhard Köpf an einem anderen „Kulturhaus“, der römischen Villa Massimo, „Verlautbarungen eines Kranken“ genannt? Rainer Burbach geht einen schweren Weg. Tausend Taler, wenn er einen Gerechten findet.

Helmut Schödel