In den letzten Jahren dieses Jahrzehnts hat die kritische Reflexion und sogar die Praxis der Literaten den Blick von der Form eines Textes auf sein Verhältnis zum Leser verlagert, beziehungsweise nicht verlagert, sondern erweitert, um beide Aspekte zusammenzusehen. Es ist schwer zu sagen, was ein Text ist und wie er entsteht, sei er literarisch oder nicht, wenn man außer acht läßt, welches Verhältnis er zu seinem Leser eingehen soll.

Dennoch finden sich immer wieder Autoren, die hier aufs heftigste protestieren, mit Beteuerungen wie: „Also ich, ich denke beim Schreiben nie an den Leser, ich schreibe nur für mich selbst, ich schreibe aus Liebe zur Sprache“ und so weiter – als wäre das Selbst eines schreibenden Ich nicht ein Idealleser, als wäre die Sprache nicht an sich und konstitutiv etwas, das sich bildet, um in Kontakt mit etwas anderem zu treten.

Die Erklärung für dieses kuriose Verhalten ist zweifacher Art. Einerseits gibt es eine Menge schlechter philosophischer Literatur, die den Intellektuellen einredet – um sie darüber zu trösten, daß sie offensichtlich keine gesellschaftlich produktive Funktion haben –, sie seien zumindest Gott ähnlich und schüfen aus reiner Liebe zur Schöpfung, ehe noch auf der Bühne der Welt ein menschlicher Gesprächspartner erschienen sei (allerdings hatte Gott aus mysteriösen Gründen das Bedürfnis, am Ende genau diesen Leser der Schöpfung zu schaffen).

Andererseits hat sich mit dem Aufkommen der Massenkultur ein Phänomen verstärkt, das im übrigen schon seit Erfindung der Schrift existierte, wenn auch in geringerem Maße, nämlich das Phänomen des Autors, der schreibt, um dem Publikum gefällig zu sein. Ich sage „gefällig zu sein“ und nicht „zu gefallen“ oder „Interesse zu wecken“. Wer schreibt, um dem Publikum gefällig zu sein, hält sich an die offenkundigsten und meistverbreiteten Erwartungen: Wenn er entdeckt, daß die Leute sich gern sexuell erregen lassen, beschreibt er Bettszenen, daß ihnen das Wasser im Munde zusammenläuft, und wenn er entdeckt, daß die Leute zufrieden sind, wenn brave Mädchen edle und reiche Jünglinge heiraten, schreibt er sentimentale Romane mit Happy-End. Dem Publikum zu gefallen oder es zu interessieren heißt dagegen, sich zu wünschen, daß der Leser in die Welt des Schreibenden eintritt, womöglich polemisch, aber mit Leidenschaft und Energie. Daher liest der Schreibende, auch wenn er es nicht merkt oder es nicht zugeben will, jedes Wort, das er hinschreibt, zweimal und fragt sich, welche Wirkung es hat. Vielleicht formuliert er die Frage anders, zum Beispiel, ob das Wort schön ist, ob es gut klingt, ob es trifft, aber das ändert nichts an der Sache.

Niemand, weder der Dichter noch der Denker, schreibt einfach nur, um seine Wahrheit zu sagen. Er schreibt, um jemanden zu überzeugen, daß das, was er sagt, wahr, vernünftig, nachvollziehbar ist. Gestern habe ich den Anfang von Descartes’ Discours de la Methode nachgelesen. Descartes war ein Denker, der felsenfest glaubte, die evidenteste, jedermann in die Augen springende Wahrheit sei der Satz: „Ich denke, also bin ich.“ Er war dermaßen fest davon überzeugt, daß er alle anderen vermeintlichen Gewißheiten als reif für den Müll befand, oder höchstens als hinterher wiedergewinnbar, auf Basis eben dieser ersten und selbstevidenten Gewißheit. Ich will hier nicht diskutieren, ob er recht hatte oder nicht. Ich denke nur, daß einer, der solches glaubt, sein Buch hätte mit dem Satz beginnen müssen: „Meine Herrschaften, ich denke, also bin ich. D’accord? Und nun weiter im Text...“

Aber mitnichten. Der große Paukenschlag des cogito ergo sunt – ein Paukenschlag in der Architektur des Buches und in der Geschichte des abendländischen Denkens – kommt erst im vierten Teil, mehr als dreißig Seiten nach dem Beginn. Und was macht Descartes auf den dreißig Seiten davor? Er präpariert seinen Leser, macht ihn bereit zu akzeptieren, daß seine (Descartes’) evidente Wahrheit auch für ihn evident sein muß. Er gibt sich große Mühe, ihn nicht zu überfallen, appelliert an seinen gesunden Menschenverstand, begleitet ihn Schritt für Schritt beim Ausräumen aller Gewißheiten, die der Leser vorher gehabt hatte und die ihn daran gehindert hatten, in aller Klarheit die einzige absolut klare und evidente Wahrheit zu sehen. Erst als Descartes sicher ist, ein Vertrauensverhältnis mit dem Leser hergestellt zu haben, erst als er sicher ist, daß ihm der Leser nun folgen wird, läßt er seine Enthüllung heraus – die er doch eigentlich niemandem hätte zu enthüllen brauchen, da jeder sie kennen müßte.

Man gehe nun hin und lese den Anfang der Odyssee nach, der Göttlichen Komödie, des Rasenden Roland, des Faust oder was immer man will, und dann sage man, ob nicht auch jene Dichter es wie Descartes gemacht haben (natürlich mit anderen Mitteln und zu anderen Zielen). Wer’s nicht so macht, ist ein Dummkopf, und wer’s nicht so zu machen behauptet, ist ein Lügner.

Aus dem Italien sehen von Burkhart Kroeber. Copyright: L’Espresso