Der Name Ludwig von Ficker ist bei uns, wenn überhaupt, allenfalls im Zusammenhang mit der Biographie Georg Trakls bekannt, des Salzburger Lyrikers, der sein Genie durch systematische Selbstzerstörung ruinierte. Wenn er gleichwohl noch Gelegenheit fand, ein paar der grandiosesten Gedichte deutscher Sprache in diesem Jahrhundert zu veröffentlichen, so war dies unter anderem Ludwig von Ficker zu danken.

Ludwig von Ficker war eine kulturpolitische, er war damit eine politische Figur. Sproß aus österreichisch-deutschem Beamtenadel, Nutzer eines anfangs erheblichen Vermögens, hatte er selber belletristische Ehrgeize, aber das Talent war zu gering. Er verlegte sich auf Förderung. Sein Instrument wurde eine noch vor dem Ersten Weltkrieg gegründete Zeitschrift, Der Brenner.

Man hat sie gern mit der Fackel von Karl Kraus verglichen, wofür es zweierlei Begründung gibt: Kraus und Ficker waren befreundet; beider Journale verstanden sich als kulturelle Opposition zum jeweils herrschenden Establishment. Es empfiehlt sich freilich, dem Brenner das deutsche Hochland gegenüberzustellen, als anderes Sprachrohr eines engagierten Linkskatholiszismus.

Der hatte es in dem Alpenland womöglich noch schwerer als im Deutschen Reich. Die katholische Amtskirche in Wien, Salzburg, Innsbruck war konservativ-reaktionär, von ihrer innigen Verbindung zum Kaiserhaus bis hin zu austrofaschistischen Kreisen. Die katholische Volkskirche war repressiv, intolerant und antisemitisch; wenigstens in Tirol ist sie das bis heute – ihr bekanntestes Produkt war einmal Adolf Hitler. Prominente Linkskatholiken in Österreich sind rar. Die Historikerin Erika Weinzierl gehört zu ihnen. Einflußreicher war der umtriebige Friedrich Heer.

Der Brenner erschien in Innsbruck; der Verlagsort war seinerseits eine grundsätzliche kulturpolitische Entscheidung. Gegen den gefräßigen Monopolismus der Hauptstadt Wien sollte Position bezogen werden; dies gelang, und es hatte Folgen. Kraft und Erheblichkeit heutiger Kultur in Österreich kommen unter anderem aus dem Regionalismus. Wenn Graz, Klagenfurt und Innsbruck mittlerweile Zentren eines nationalkulturellen Selbstverständnisses in der Republik Österreich sind, so geht auch dies auf Anregungen Ludwig von Fickers zurück.

Er hat die selbstauferlegte Mission trotzig und selbstlos weitergeführt, selbst in unwirtlichen Zeiten. Erster Weltkrieg und Inflation zehrten sein Vermögen auf. Er brachte sich zeitweilig als Korrektor einer Tageszeitung durch. Während der Hitler-Jahre war sein Haus eine heimliche Heimstatt antifaschistischer Gesinnung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat er noch eine Anerkennung seiner vielfältigen Bemühungen durch eine breitere Öffentlichkeit erleben können. Er starb 1967, 87 Jahre alt, Die Universität seiner Heimatstadt Innsbruck unterhält eine Forschungsstelle, das Brenner-Archiv, wo sein Erbe gepflegt wird.

Dort wird auch die umfangreiche Korrespondenz Fickers aufgearbeitet. Ein erster Band ist, mustergültig kommentiert, inzwischen erschienen. Zahl und Art der Fickerschen Korrespondenz-Partner sind imponierend. Es zählen große Teile der geistigen und künstlerischen Avantgarde Deutschlands und Österreichs dazu: Peter Altenberg und Ludwig Wittgenstein, Heinrich und Thomas Mann, Albert Ehrenstein, Johannes R. Becher und August Stramm, Herwarth Walden und Adolf Loos, Else Lasker-Schüler, Hugo Ball, Arnold Schönberg. Es sind alle dabei, die in Tirol das ästhetische Tun über die tradierten Grenzen des Wurzelsepps hinausheben wollen: der Schriftsteller Carl Dallago, die Maler Max von Esterle und Albin Egger-Lienz. Wie bizarr und widersprüchlich sich selbst linke Positionen zu jener Zeit verstehen oder bilden, beweisen die Korrespondenz-Partner Elisabeth Förster-Nietzsche und Carl Schmitt; selbst Hitlers geistiger Ziehvater in Sachen Antisemitismus, Lanz von Liebenfels, ist unter Fickers Adressaten.

Wer deutsche und österreichische Geistesgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts Komplex erfahren will, darf an Ludwig von Ficker nicht vorübergehen. Die Briefe sind der bislang beste Zugang zu seiner Person. Rolf Schneider

  • Ludwig von Ficker:

„Briefwechsel 1909-1914“

Band 1, herausgegeben von Ignaz Zangerle u. a.; Otto Müller Verlag, Salzburg 1986; 420 S., 64, DM