Ein Mann, Anfang Vierzig, ein allein lebender, mit sich trotz seines Erfolges unzufriedener, weil eben letztlich unbedeutender Maler, erinnert sich der Zeit vor zwanzig Jahren. Damals wäre er Vater geworden, hätte seine damalige Freundin, die er seit jenen Tagen aus den Augen verloren hat, nicht darauf bestanden, ihr Kind nicht zur Welt kommen zu lassen.

Die Mehrfachbegabung der Autorin Roswitha Quadflieg (sie unterhält in Hamburg ihre eigene „Raamin“-Presse und hat Michael Endes „Unendliche Geschichte“ illustriert) erweist sich darin, daß sie eine gewöhnliche Geschichte hinüberführt in die Schilderung einer ganz ungewöhnlichen, intensiven Vater-Kind-Beziehung: einer solchen, die r.ur in der Vorstellung des verhinderten Vaters existiert.

Auf einmal ist es also da, dieses Kind Maria, cb Junge oder Mädchen bleibt offen, denn niemand weiß ja, was es geworden wäre, wenn es geworden wäre: vor 19 Jahren. Ein rückwärts verlaufender Erziehungsroman: „Fabels Veränderung“. Während sich Fabeis Leben immer mehr verändert, er sich von seiner realen Außenwelt entfremdet, tasten sich in der zwar künstlichen, von außen jedoch keineswegs unberührten Innenwelt Vater und Kind in monologischen Zwiegesprächen immer enger aneinander heran. Realität und imaginäres Zusammenleben durchdringen sich immer unauflöslicher bis zu dem Tag, da Fabel, der Maler, verzweifelt bemerkt, daß das Kind ihm entgleiten könnte „in einen Bereich, für den er nicht zuständig war und in dem er, weil er ein Vater und keine Mutter war, nicht würde folgen können“. Dieses Gefühl verstärkt sich so sehr, daß, als Maria nach der Mutter zu fragen beginnt, der Vater in immer bedrängenderer Hilflosigkeit sich in den letzten Satz an sein Kind rettet: „Maria, ich weiß ja noch nicht einmal, ob es dich nicht wirklich gibt.“ Nun endlich macht er sich auf, die mögliche Mutter dieses Kindes ausfindig zu machen, nachzuforschen, ob sie damals nicht vielleicht doch .. .? Er findet sie schließlich, inzwischen verheiratet und Mutter von zwei allerdings sehr viel jüngeren Kindern. Zu sagen haben sie einander nichts mehr. Der Spuk ist vorbei. Ist er das? Es ist nicht der letzte Satz dieses Romans, aber es ist wohl sein tröstlichster, wenn das Kind dem Vater auf dessen trostlosen Zweifel hin antwortet: „Doch Simon, das weißt du genau, wir haben uns doch gefunden.“ Alexander U. Martens

• Roswitha Quadflieg:

„Fabeis Veränderung“

Roman in einem Kapitel; Arche Verlag, Zürich 1987; 102 S., 24,80 DM