Von Klaus Ott

Präsident Constantin Freiherr Heereman vom Deutschen Bauernverband war „sehr erstaunt“ über den Brief aus Bayern, der da jüngst in der Bonner Verbandszentrale einging. Rieb doch der mittelfränkische CSU-Landtagsabgeordnete, Landwirtschaftsmeister und Verbandsfunktionär Georg Rosenbauer dem Präsidenten seine Meinung unter die Nase, die Äußerungen der Standesorganisation zum Streit um Bestandsobergrenzen für Bauernhöfe sowie um die Bindung der Agrarproduktion an die Fläche der Betriebe würden ihm „die Benutzung einer Achterbahn ersetzen – übel wird mir hier wie dort“. Es berührte Heereman „schon sehr merkwürdig“, ließ er Rosenbauer wissen, daß dieser glaube, sich von Erklärungen des eigenen Verbandes „distanzieren zu müssen“.

Merkwürdig an diesem Vorgang ist allerdings eher das Erstaunen, das eine derartige Kritik aus den eigenen Reihen in der Bonner Zentrale noch auslöst. Denn immer mehr Besitzer von kleinen und mittleren Höfen fühlen sich von ihrem Verband nicht mehr richtig vertreten. Darüber kann auch die Wiederwahl Heeremans für weitere drei Jahre im Präsidium des Bauernverbandes mit 257 Ja-Stimmen bei acht Enthaltungen nicht hinwegtäuschen.

Zwar bezeichnete ein Verbandssprecher das Ergebnis als Zeichen der Geschlossenheit und der Tatsache, daß sich die Bauern von Heereman richtig vertreten fühlen. Doch das Wahlsystem ist keineswegs geeignet, die Gemütslage im Bauernstand einigermaßen wirklichkeitstreu widerzuspiegeln. Nicht die Delegiertenversammlung, die alle zwei Jahre den Kurs des Verbandes festlegt, bestimmt den Präsidenten und dessen Stellvertreter. Dies ist die Aufgabe des knapp zwanzigköpfigen Präsidiums, in dem alle Landesvorsitzenden sowie Abgesandte einiger anderer Agrarorganisationen vertreten sind. Die Landesvorsitzenden wiederum verfügen über Stimmenpakete, die sich nach der Höhe der Mitgliedsbeiträge in ihrem Bundesland bemessen. Die bayerische Organisation zum Beispiel wirft 55 Stimmen bei der Präsidentenwahl in die Waagschale. Den Landesverbänden bleibt es dabei selbst überlassen, inwieweit sie ihre Mitglieder vor dem Bonner Wahlakt über die jeweiligen Stimmenpakete befinden lassen. Beim Bayerischen Bauernverband etwa, so heißt es in dessen Münchener Zentrale, hatte Präsident Gustav Sühler lediglich das Votum der sieben Bezirksvorsitzenden im Freistaat eingeholt.

Die Wiederwahl Heeremans habe mit einer demokratischen Entscheidung der Basis nichts zu tun, erklärte dazu die zum Bauernverband in Opposition stehende Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Diese Organisation ist eine von mehreren kleinen Bauernvereinigungen, die der traditionellen Starideslobby nicht mehr allein das Feld der Interessenvertretung überlassen wollen. Gerade im Süden der Republik, wo in der Regel kleine, einkommensschwache Höfe anzutreffen sind, gewinnen diese Zusammenschlüsse Oberwasser. Sie haben zwar nicht annähernd so viele Mitglieder wie der Bauernverband, geben aber die Stimmungslage vieler Landwirte mittlerweile authentischer wieder als die große Konkurrenz.

Das haben auch Teile der Union erkannt. Die CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag holte sich jüngst zu einer viertägigen Mammutanhörung nicht nur Vertreter des Bauernverbandes, sondern auch Diskutanten aus den Reihen der bayerischen Agraropposition, die noch vor einem Jahr in CSU-Kreisen als „Fundamentalopposition“ verschrien war. Die Agraropposition ist ein loses Bündnis von kleinen Bauernvereinigungen, ökologischen Anbauverbänden, Naturschützern und der Katholischen Landjugend, einer der drei Nachwuchsorganisationen des Bayerischen Bauernverbandes.

Heereman registrierte die Zusammensetzung der Diskussionsrunde mit Mißfallen. Eine Anhörung, die „einer Vielzahl von Vertretern der unterschiedlichsten Verbände: die Möglichkeit zur Selbstdarstellung“ biete, ließ er die CSU-Fraktion wissen, stoße bei ihm auf „ernste Bedenken“. Die Situation verlange, gerade jetzt eine „ernsthafte und verantwortungsvolle Erörterung“. Er könne daher der Einladung des Fraktionsvorsitzenden Gerold Tandler zu der Agraranhörung mit dem Titel „Landwirtschaft am Scheideweg – Zukunft für unsere Bauern“ nicht Folge leisten. Heereman hat es sich dadurch mit nicht wenigen CSU-Fraktionsmitgliedern gründlich verdorben.