Von Holger Balodis

Nach über fünf Jahren endete jetzt ein Streit zwischen der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank und einem Hauskäufer durch Gerichtsvergleich: Die Bank muß eine Eigentumswohnung zurücknehmen, dem Käufer werden sämtliche Schulden erlassen. Dieser war zusammen mit rund fünfzig anderen Familien im Raum Koblenz auf das windige Geschäftsgebaren des Chefs eines Lohnsteuerhilfevereins hereingefallen, der mit der Koblenzer Filiale der Hypo-Bank eng zusammengearbeitet hatte. Böse Folgen für den Käufer: Er stand mit 250 000 Mark bei der Bank in der Kreide, seine Wohnung erwies sich als praktisch unverkäuflich: Bei der Zwangsversteigerung eines Vergleichsobjektes wurden nicht einmal 50 000 Mark erlöst.

Die Vorgeschichte: Mitte 1982 suchte der damalige Kreditchef der Hypo-Bank in Koblenz händeringend nach Wohnungseinkäufern. Eine Hausfinanzierung war geplatzt, nachdem sich der Bauherr zahlungsunfähig ins Ausland abgesetzt hatte. Fündig wurde er bei Rolf Biedermann, dem Chef der Vereinigung der Lohnsteuerzahler Rheinland-Pfalz e. V., der ebenso dringend Objekte für ein Steuersparprogramm suchte. Schnell war man sich einig. Biedermann lieferte die Wohnungserwerber – die Bank finanzierte die Sache. Sie erklärte sich sogar zu einer hundertprozentigen Beleihung der Wohnungen bereit. Der Hypo-Kreditchef verkehrte damals fast täglich im Büro Biedermann. Dort befand sich ein Aktenschrank, der ausschließlich Formulare der Hypo-Bank enthielt.

Tatsächlich sind einem Lohnsteuerhilfeverein die Anlage- und Kreditvermittlung gesetzlich verboten. Vollends skandalös wurden die Geschäfte Biedermanns aber durch die Art, wie die ahnungslosen Mitglieder des Lohnsteuerhilfevereins zu Kauf und Kredit gedrängt wurden. Fast alle unterzeichneten die Verträge im eigenen Wohnzimmer, nachdem ihnen Biedermann oder seine Mitarbeiter das Blaue vom Himmel versprochen hatten: eine Finanzierung allein durch Steuerersparnis und garantierte Mieteinnahmen, ohne jedes Eigenkapital, wie auch in einem Schreiben des Lohnsteuerhilfevereins ausdrücklich betont wurde. Den Vereinsmitgliedern werde – quasi als Serviceleistung – jegliche Schreibarbeit abgenommen. Sie wurden ausdrücklich gebeten, alle Post umgehend an das Büro Biedermann in die Koblenzer Kurfürstenstraße zu schicken.

Die Anlage sei absolut risikolos: Nach fünf Jahren wolle Biedermann die Wohnung zurückkaufen, damit auch andere in den Genuß des einmaligen Steuersparprogrammes kommen. Die Beispielrechnungen ergaben durch Steuerersparnis, Mieteinnahmen und Wertzuwachs der Wohnung für alle Erwerber satte Gewinne – ohne Einsatz von Eigenkapital. Wenn die Vereinsmitglieder auch zunächst zögerten, nach mehreren Hausbesuchen von Biedermann oder seinen Helfern unterschrieben sie: Kontoeröffnungen, Überweisungsaufträge, Kreditanträge. Und das alles sogar blanko, in blindem Vertrauen zu Rolf Biedermann.

So ging es auch dem jugoslawischen Kraftfahrer Stepjan Kunecki, der seit knapp zwanzig Jahren in der Bundesrepublik lebt. „Vertrauen“ sei es gewesen, das ihn zu den verhängnisvollen Unterschriften bewog. Ein Vertrauen, das Rolf Biedermann durch jahrelanges Bearbeiten der Lohnsteuerangelegenheiten für die in wirtschaftlichen Dingen unerfahrene Familie erworben hatte.

Die meisten Erwerber wußten damals noch nichts von dem Engagement bei der Hypo-Bank. Sie hatten nie deren Gebäude betreten, nie mit einem Angestellten gesprochen. Über die tatsächlichen Risiken wurden sie weder vom Lohnsteuerhilfeverein noch von der Bank aufgeklärt. Dessen sind sich die Anwälte Edgar Eich und Ulrich Classen sicher, die für die Eheleute Kunecki die Hypo-Bank verklagten.