Von Ulrich Stock

London, Ende November

Schade, daß Sterntaucher und Tordalk, Brandgans und Trottellumme, Miesmuschel und Pierwurm nicht lesen können. Die Wattbewohner hätten im November staunend die deutschen Zeitungen aufgeschlagen. War da nicht immer von einer „Nordseeschutzkonferenz“ die Rede? Hat da nicht ein deutscher Umweltminister „mutige Beschlüsse“ in Aussicht gestellt, dem geplagten Meer Hilfe versprochen?

Wochenlang wurde dem Ereignis entgegengefiebert, plötzlich war es da und schon wieder vorbei. Und weil es nicht so ergiebig war wie erhofft, tröstet die Aussicht aufs nächste Mal: Die dritte Nordseekonferenz 1989 in den Niederlanden wird bestimmt wieder mit Spannung erwartet, und dann, Jahre später, die vierte, voraussichtlich in Dänemark – also, wenn die nicht den Durchbruch bringt!

Über die zweite Konferenz, die am 24. und 25. November in London stattfand, standen in den deutschen Tageszeitungen verwirrende Berichte. Die Frankfurter Allgemeine meldete zutreffend, daß die Minister sich geeinigt hätten, bis 1995 die Menge der in die Nordsee eingeleiteten Nährstoffe, Schwermetalle und chlorierten Kohlenwasserstoffe zu halbieren. Die Süddeutsche Zeitung schrieb dagegen unzutreffend, eine Reduzierung der „organischen Verbindungen“ sei „in der Londoner Vereinbarung nicht vorgesehen“.

Zur Radioaktivität bemerkt die FAZ: „Die Konferenz kam gegen den Widerstand Londons überein, unter Verwendung der besten verfügbaren Technik die Einbringung solcher Stoffe in die Nordsee auf ein Minimum zu begrenzen; die von der britischen Delegation angestrebte Einbeziehung von Kosten- und Wirtschaftlichkeitsberechnungen wurde fallengelassen.“ Der Nachsatz ist falsch. Korrekt berichtet die tageszeitung: „Daß der Teufel bei den ausgehandelten Kompromißformulierungen im Detail liegt, verdeutlicht die in der Erklärung durchweg benutzte Phrase von der ‚Benutzung der bestverfügbaren Technologie‘. Die anfängliche Blockierung dieser Formulierung durch die Briten hat nun in einer als Fußnote versteckten Wirtschaftlichkeitsklausel ihren Ausdruck gefunden. Hier wird der Begriff der ,bestverfügbaren Technologie’ an deren ,ökonomische Verfügbarkeit’ gebunden. Mit anderen Worten, wer sich einen Dreck um die wirtschaftliche Entwicklung solcher Technologien kümmert, muß sie nicht einsetzen.“

Auch der erste Teil der FAZ-Meldung ist irreführend: Nicht gegen den Widerstand Londons ist die Konferenz in Sachen Radioaktivität übereingekommen (alle Beschlüsse wurden einstimmig gefaßt), sondern London hat sich mit seiner Formulierung durchgesetzt, die Einbringungen „zu minimieren“. Dänemark und andere Staaten wollten gern die Formulierung „zu minimieren und zu eliminieren“ verabschiedet wissen. Außerdem hätten sie lieber feste Fristen für Verbesserungen beschlossen. Doch auch damit drangen sie nicht durch. Ob der britische Umweltminister Nicholas Ridley seine Kollegen daran erinnert hatte, daß aus vielen Atomkraftwerken des Kontinents (auch aus Brokdorf) Brennelemente im schottischen Sellafield aufgearbeitet werden?