Jeder Tag hat seine Plage, / Und die Nacht hat ihre Lust.“ Nun ja, Altreimer Goethe konnte es sich leisten, auszuschlafen. Wir Heutigen haben hingegen unsere Schwierigkeiten, den Nächten ausgiebig zu huldigen. Zerstört ein „Wecker“ genanntes Terrorinstrument der Moderne doch allmorgendlich unsere Restphantasien, beendet unseren zur Arbeitskraftreproduktion degradierten Schlaf und jagt uns in Büros, Universitäten und Geschäfte.

Kurt Marti, der deutschschweizer Pfarrer-Schriftsteller, beweist mit seinem neuen Prosaband „Nachtgeschichten“ durchaus Empathiefähigkeit für uns Gehetzte, mahnt jedoch auch zum Innehalten und zur Reflexion. Der Autor hat allen möglichen Facetten der Nacht nachgespürt. Wie der Protagonist Weisskopf in „Bald Vollmond“ (einer der stärksten der insgesamt zwanzig Geschichten des schmalen Bandes) erweist sich der 1921 in Bern geborene und heute noch an der dortigen Nydeggkirche wirkende Kurt Marti als meisterlicher „Nyktologe“, als Nachtkundiger und kenntnisreicher Sammler nokturner Absonderlichkeiten und Rätsel. Seltsam ist allemal jener nächtliche, nicht zu identifizierende Gesang einer Männerstimme im Mietshaus, die abrupt verstummt, als sie von Plattenfirmen vermarktet wird („Gesang im Haus“). Kafkaeske Züge trägt auch das spurlose Verschwinden eines Rechtsanwalts: „Über Nacht ist ein Mann verschwunden. Einfach so, motiv- und spurlos. Das mache ihm einer nach.“ Ein Liebespaar sucht bei nächtlichem Schneetreiben da, wo „der Weg nicht mehr gepfadet“ ist, nach einem Ulolith, einem magischen Felsen. Andere Orte des Geschehens sind Kneipen, Krankenhäuser, Spielsalons und die Insel Malta. Wünsche, Träume und Ängste treiben die Menschen um, doch die oft überbordende Fabulierlust des Autors schmälert nur in wenigen Fällen die literarische Qualität seines neuen Buches. Der Leser kommt aus der heilsamen Ungewißheit nicht heraus, ob er sich im Bereich der Fakten oder der Fiktionen befindet.

Was immer man aus dem umfänglichen Gesamtwerk herausgreifen mag; seien es die frühen „Dorfgeschichten“ (1960) oder die vielbeachteten „Leichenreden“ (1969) – Kurt Marti will und kann den Pfarrer nicht verleugnen und ist Moralist geblieben. Nie hat er bestritten, daß gegenwartsbezogene christliche Religiosität, gepaart mit politischem Engagement, die entscheidenden Impulse seines Denkens und seiner Gesellschaftskritik ausmachen. Seine Schweizer Bürger hat er gelegentlich provoziert, doch der Gestus des Agitators ist ihm fremd. Die Lust an Sprachexperimenten hat der Verehrer Robert Walsers einst selbst zurückgeführt auf seine Unzufriedenheit mit der erstarrten theologischen Kirchensprache und seinem Bedürfnis nach einer Sprache, „die genauer, ehrlicher, sachlicher“ sein sollte. Auch das neue Buch zeichnet sich durch eine besonders kraftvolle Sprache aus.

Nicht nur unter diesem Gesichtspunkt hervorzuheben ist – als eine der letzten „Nachtgeschichten“ – das „Notturno mit Mombert“, ein Juwel der Kurzprosa. Marti erinnert hier an Alfred Mombert aus Heidelberg, dem Verfasser des Mythos „Sfaira der Alte“ und Freund Hermann Hesses, der 1940 als einer von 400 Heidelberger Juden ins südfranzösische KZ Gurs deportiert und schließlich durch Schweizer Freunde freigekauft wurde.

„Übernächtigung schärft die Wahrnehmungen“, heißt es in der letzten „Nachtgeschichte“, und Maitis geschärfter Blick entdeckt noch in jedem körperlich oder seelisch Leidenden – in Vergangenheit und Gegenwart – den Bruder oder die Schwester. Moralischer Rigorismus dieser Vehemenz mag nicht jedermanns Sache sein. Aber wenn Bücher etwas wert sind, leben sie gewöhnlich länger als die, die darüber streiten.

Frithjof Heller

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