Die Kooperation von Krupp, Mannesmann und Thyssen führt zur Werkstillegung in Rheinhausen

Wer nach einem Beispiel für den Begriff Chuzpe sucht, dem sei die Lektüre einer gemeinsamen Presseerklärung der Unternehmen Krupp Stahl AG, Mannesmannröhren-Werke AG und Thyssen Stahl AG empfohlen. Denn darin nehmen sie Stellung „zu umlaufenden Gerüchten, die bei den Belegschaften zu Verunsicherungen führen könnten“, um dann lapidar festzustellen, daß die Stahlerzeugung im Krupp-Werk Rheinhausen aufgegeben werden soll. Und schließlich wird das ganze auch noch als Sicherung des Stahlstandortes Duisburg gefeiert.

Die Antwort derer, die sich verunsichert fühlen könnten, ließ nicht lange auf sich warten: Am Wochende bombardierten Krupp-Arbeiter den Vorstandsvorsitzenden von Krupp-Stahl, Gerhard Cromme, mit Eiern und landeten dabei einen Volltreffer im Gesicht. Aber der hat sich das Eigelb „von der Backe geputzt“. An der Stillegung des Werkes Rheinhausen geht wohl kein Weg mehr vorbei, wenn auch ein Krupp-Sprecher den Stand der Dinge einstuft „zwischen Denkmodell und beschlossener Sache“.

Was da durch Indiskretion vorzeitig ans Tageslicht kam, ist schnell beschrieben: Krupp-Stahl legt das Werk Rheinhausen still, beteiligt sich mit fünfzig Prozent am Mannesmann-Hüttenwerk in Duisburg-Huckingen und läßt dort das Vormaterial für sein Blechwalzwerk in Bochum herstellen. Die Produktion von Profilstahl – vor allem Schienen – übernimmt der Nachbar Thyssen. In Rheinhausen, wo derzeit 5300 „Kruppianer“ beschäftigt sind und wo ein Abbau bis auf 4200 Mann Ende 1988 vorgesehen war, gehen dann die Lichter aus.

Daß die beteiligten Unternehmen nicht die Aufgabe des Standortes Rheinhausen eingestehen müssen, sondern das ganze als Stärkung des Standortes Duisburg verkaufen können, verdanken sie ausschließlich der Gemeindereform, bei der in den siebziger Jahren die linksrheinische Stadt Rheinhausen zu Duisburg kam. Hatten die eifrigen Reformer damals auch noch Oberhausen nach Duisburg und Hattingen nach Bochum eingemeindet, wäre das Gerede über die Aufgabe von Stahlstandorten im Ruhrgebiet völlig überflüssig.

Aber was den Belegschaften sauer aufstößt, ist kalkulatorisch durchaus sinnvoll. Weder Krupp noch Mannesmann können Hochöfen und Stahlwerke voll auslasten, produzieren also nicht optimal. Das modernere Hüttenwerk, noch dazu mit einer eigenen Kokerei versehen, steht in Huckingen und ist durchaus in der Lage, den Bedarf von Krupp mit zu decken. Schließlich gibt es bei Mannesmann auch noch eine Stranggießanlage, die Vormaterial für die Blecherzeugung liefert – Mannesmann braucht Grobblech für seine geschweißten Großrohre.

Wer fragt, was Thyssen als Dritter bei diesem Geschäft zu suchen habe, wird vordergründig sicherlich mit der Antwort beschieden, Thyssen walze anstelle von Krupp die Schienen. Das ist nicht einmal falsch, denn es hätte wenig Sinn in Rheinhausen nur das Schienenwalzwerk stehen zu lassen und den Stahl dafür aus Huckingen heranzukarren; aber viel bedeutsamer ist, daß Krupp und Mannesmann für ihr geplantes Geschäft den Segen von Thyssen haben. Als sich Thyssen nämlich 1970 zugunsten von Mannesmann aus der Röhrenproduktion zurückzog, wurde vereinbart, daß Mannesmann Stahl ausschließlich zur Versorgung seiner eigenen Röhrenwerke herstellen darf.