Die radikalste Form der Geschichten über Tiere ist der Versuch, aus ihrer Optik zu schreiben. Dieser Kunstgriff ist an sich nicht neu, bringt aber immer wieder neue Einsichten. Der Umweg über das Künstliche als Zugang zur Natur ist nur eine Seite von „Felis Felis“. Die andere ist Johansens schon verschiedentlich praktiziertes Verarbeiten von Fakten.

So ist ihr Büchlein für Leseanfänger „Bruder Bär und Schwester Bär“ durchaus keine anthropomorphisierende Bärengeschichte. Die Autorin orientiert sich vielmehr an Materialien der Verhaltensforschung. Anders dagegen der Frauenroman „Zurück nach Oraibi“. Hier bildet eine indianische Autobiographie den Ausgangspunkt, wobei die fiktionale Umgestaltung deutlich anwaltschaftliche Ziele verfolgt.

„Felis Felis“ enthält nun insofern beide Aspekte, als Johansen den Kater Felis nicht gegen seine Natur handeln läßt. Diese ist aber zugleich Anlaß für eine humorvoll vorgetragene Zivilisationskritik.

Ähnlich dem jungen Huronen in Voltaires „L’Ingénu“ spaziert Felis durch die Menschenwelt. Die Verhaltensunterschiede werden aus ironischer Distanz sichtbar: Wenn der Kater meint, er müsse noch manche tote Maus ins Haus tragen, bis Menschen begreifen, worum es geht, so wird die Erzählung geradezu ein Benimmbuch für Katzen im Umgang mit Menschen. Felis weigert sich übrigens, durch einen Sprung zur Klinke die Türe zu öffnen, weil das „lächerlich“ aussieht und widerlegt damit die menschliche Spekulation über die angebliche Naivität der Tiere.

Zum Wechsel des Erzählstandpunktes gehört auch das Umkehren der Werte. Selbstverständlich (das heißt aus menschlicher Sicht „natürlich“) geht die Autorin von jener typisch katzenhaften Souveränität aus, die wir Menschen belieben, Stolz zu nennen.

Stilmittel, das Naturell der Katzen literarisch umzusetzen, ist das Wortspiel. Wenn Felis die bewegte Teppichkante als lebendiges Gegenüber wahrnimmt und sich mit ihr herumbalgt, „sagt die Frau, ich glaube, du hast heute Unsinn im Sinn“. Der Kater jongliert mit den Begriffen Sinn und Unsinn. Die spielerische Analogie wird Metapher fürs Spiel.

Hanna Johansens sprachliche Sorgfalt verhindert, daß die besondere Optik zur Masche verkommt. Sie erweitert die Kater-Mensch-Beziehung um eine wichtige Dimension: Felis, der eigentlich selbst in die literarische Tradition des edlen Wilden gehört, verliebt sich wie ein zivilisationsmüder Stubenhocker in ein Naturkind. Die wilde Schönheit heißt Venezia und bringt als mediterranes Souvenir Leben in die bürgerlichen Vorgärten.