Mit den Büchern „Die Berliner Simulation“ und „Blende“ des heute 34 Jahre alten Autors Bodo Morshäuser tauchte in der neueren deutschen Literatur ein unverbrauchter Ton auf. Ähnlich wie die Romane des ein Jahr älteren italienischen Schriftstellers Andrea de Carlo, mit dem Morshäuser auch die Vorliebe für krimihafte und filmische Handlungselemente teilt, vermitteln diese Geschichten etwas vom Lebensgefühl einer Generation – ohne in einen aufgemotzten Jugendjargon zu verfallen. Die heimliche Heldin von Morshäusers Erzählungen ist die Stadt Berlin, und der Autor hat sie wie mit langen Kamerafahrten in fetzig-tristen Bildern festgehalten.

Die neue Erzählung „Nervöse Leser“ beschränkt sich im wesentlichen nur noch auf eine Einstellung: drei Wohnungen in sich gegenüberliegenden Häusern als Schauplatz für Innenansichten einer farblosen Bohème, die ihre Impotenz der Gefühle über voyeuristische Ausspähungen untereinander zu kompensieren sucht.

Vera ist Liedermacherin – ihre Songtexte erinnern an die gestylte Trivialität einer Ulla Meineke – und hatte sich angeblich schon mal mit einer Platte „zwei Jahreszeiten lang (!?) bei Platz dreißig“ der Hitparade festgesetzt. Sie unterhält eine Liebesbeziehung zu Remo, einem arbeitslosen Goldschmied, der eine Wohnung schräg vis-à-vis von Veras Fenster bezogen hat. Blickt man aus ihrer Wohnung zur anderen Seite, sieht man die Zimmer von Ulf, dem Schriftsteller. Auf ziemlich exhibitionistische Weise gelingt es ihm, erst Blick- und dann Bettkontakt zu Vera herzustellen. Er spielt in Morshäusers Buch die Rolle des Erzählers – aber nicht des souverän allwissenden, sondern eines buchhalterisch Fakten aus Tagesbüchern, Notizzetteln oder Tonkassetten auswertenden Geschichtenklitterers.

Morshäuser hat sich ein auf den ersten Blick apartes, im Verlauf aber immer synthetischer werdendes Planspiel konstruiert. In collageartiger Erzählform wechselt er zwischen Beobachtungen von Ulf und zitierten Passagen aus den heimlich photokopierten und überspielten Aufzeichnungen von Vera und Remo, die dieselben Vorgänge konterkarieren. Die mehrmalige Veränderung der Perspektive evoziert zwar eine um Objektivität bemühte kühle Sachlichkeit, schafft aber keine Spannung. Die Figuren erschienen auch aus dreierlei Blickwinkeln gesehen in monochromer Blässe.

In einer Art Prolog philosophiert der Erzähler über seine existentiellen Möglichkeiten: „Nach der Jugendnarrheit und vor der Altersnarrheit fällen wir drei bis fünf Entscheidungen, die uns einen Weg ebnen durch das Tal der besten Jahre.“ Das klingt nach früher Resignation der gerade Dreißigjährigen, nicht höhenrauschverdächtig oder absturzgefährdet droht ihnen nur noch der Kampf mit dem Mittelmaß. Problem Nummer eins ist dabei die als coolness kaschierte Gefühlsunsicherheit, die panische Angst, sich einem anderen Menschen zu. öffnen, auszuliefern, nach dem Motto: „Wer sich zu erkennen gibt, ist verbrannt.“ Alle fürs Überleben der Gefühle wichtigen Gedanken vertrauen diese sonst so eloquenten Typen weder Freund noch Geliebtem, sondern dem Tagebuch oder einer Tonkassette an.

Um zu erbeuten, was sie wirklich voneinander wissen wollen, bleibt also nur Bespitzelung, Einbruch, Schnüffelei, eine manische Jagd nach heimlicher Bestätigung, daß man doch, oder doch nicht, geliebt wird. Leidenschaft ist für sie offenkundig ein Fremdwort und Sex gehört nur noch zur physiologischen Hygiene, ähnlich dem Zähneputzen – oder gleicht einem Abkommen unter Vertragspartnern: „Gegen neun wollte sie zum intimeren Teil übergehen, jedoch fehlte meine Einwilligung.“

Nun läßt sich ja argumentieren, daß ein Schriftsteller, wenn er den Frust der Unlust und andere emotionale Beschädigungen seiner literarischen Figuren, ihr schick-monotones Leben zwischen Bett, Studio, Kneipe und Synthesizer als flaue Freiheit abbilden möchte, das womöglich nicht nur mittels pointierter Dialoge und geistreicher Analysen erreichen kann, sondern durch einen quasi dokumentarischen Umgangston. Aber es stören nicht nur die Banalitäten dieser Personen und ihre undifferenzierten Formulierungskünste, was man als kritische Authentizität verbuchen könnte, sondern auch schiefe Bilder und sprachliche Ungenauigkeiten des Autors, den kein Lektorat vor Sätzen wie diesem bewahrt hat (es geht dabei um das Einlegen von Farbprospekten in eine Tageszeitung): „Auch in der folgenden Nacht tuckerte mein Entscheidungsprozeß im zähen Sechstausender-Rhythmus der Einsteckmaschine.“