Von Johannes Grotzky

Kabul, Ende November

In der Steinbrücken-Moschee von Kabul unterwirft sich der starke Mann Afghanistans, Nadschibullah, vor den Augen der Öffentlichkeit den Gesetzen der Religion. Es ist Freitagnachmittag, der Muezzin hat zum Gebet gerufen. In einem gepanzerten Mercedes ist Nadschibullah dem Ruf Allahs gefolgt. Mit Hilfe – und auf Druck – Moskaus muß Nadschibullah zunächst noch einen Zweifrontenkampf führen, um dem Land und seiner Partei wenigstens eine Überlebenschance zu verschaffen. In der ersten Reihe der Gläubigen beugt er seinen massigen Körper demütig auf den Boden hinunter, erhebt die Hände zum Gebet, korrespondiert im Wechselgesang mit dem Imam und empfiehlt sich so Tausenden von Zeugen als wahrer, nämlich gläubiger Afghane.

Politisch wirbt Nadschibullah dagegen um nationale Aussöhnung, um Kompromisse und Koalitionen. Er beschwört die Unabhängigkeit und das Ansehen der islamischen Geistlichkeit, beginnt seine Reden stets im Namen des allmächtigen Gottes. Er weiß wohl, daß es für einen Kompromiß mit den Regimegegnern fast schon zu spät ist. Wie sein Vorbild Gorbatschow übernimmt Nadschibullah nicht nur dessen Forderung nach einem neuen politischen Denken. Ähnlich dem Prozeß der perestrojka hat er den verzweifelten Versuch einer totalen Wende unternommen, um im Lager der unzufriedenen, kriegsmüden und sozialismusfeindlichen Afghanen neue Verbündete zu finden.

Eine Volksversammlung, die Loya Jirgah, deren repräsentativer Charakter für Außenstehende kaum zu durchschauen ist, hat eine neue Verfassung verabschiedet, mit der die Volksdemokraten Nadschibullahs ihre Alleinherrschaft aufgeben und sich von allen Symbolen trennen, die mit der April-Revolution 1978 als Zeichen eines „afghanischen Sozialismus“ geschaffen wurden:

  • Das Einparteien-System ist wieder abgeschafft, vier neue Parteien, darunter eine islamische, sind gegründet worden.
  • Der Islam wird in Artikel zwei der Verfassung als Grundlage des afghanischen Volkes definiert.
  • Hammer und Sichel wie der rote Stern werden aus dem Staatswappen verbannt.
  • Die bislang „demokratische Republik“ erhält den unverfänglicheren Namen „Republik Afghanistan“.
  • Privatwirtschaft und Landbesitz der Bauern und anderer Landeigner stehen unter dem besonderen Schutz der Verfassung.

Schließlich erklärte Nadschibullah nach seiner Wahl zum neuen Staatspräsidenten den fast zweitausend Abgeordneten in blumiger Sprache, er verzichte auf die Anrede „Genosse“, weil „unser Volk andere Wörter benutzen kann, die der Kultur und unserem Land eigen sind“.