Von Robert Jungk

Immer wieder kommt es vor, daß ein wichtiges Buch in der deutschen Öffentlichkeit nicht die Aufmerksamkeit erhält, die es verdient. Das war bisher das Schicksal des schon im Frühjahr des Jahres erschienenen Werkes aus der Feder des Altmeisters der deutschen Zukunftsforschung:

Ossip K. Flechtheim: Ist die Zukunft noch zu retten? Hoffmann und Campe, Hamburg 1987; 255 S., 34,– DM

Zu fragen ist, weshalb eine so fundierte, übersichtliche, in einer bei Professoren ungewohnt verständlichen Sprache geschriebene Darstellung der dringendsten Herausforderungen unserer Zeit die Rezensenten anscheinend gleichgültig läßt. Ivan Illich hat mir zu diesem Problem der Wirkung oder Nichtwirkung von schriftstellerischen Arbeiten, die Aufsehen erregen wollen (und sollten) einmal eine interessante Antwort gegeben. Angesichts der Fülle von Informationen und Botschaften, die auf die Zeitgenossen – insbesondere auf die Journalisten und Kritiker – prassele, könne man nur dann hoffen durchzudringen, wenn man schreie oder bis zur Karrikatur hin übertreibe.

So schreiben wollte und konnte Flechtheim nicht. Er sieht in bruchstückhafter und sensationeller Darstellung der komplexen Probleme unserer Zeit, wie sie insbesondere von der Boulevardpresse und zum Teil auch vom Fernsehen geboten wird, einen Teil der „Megakrise“ in die wir hineingeraten sind.

Das beantwortet aber nicht die Frage weshalb auch Menschen, die über mehr Fähigkeiten und Zeit verfügen, so oft weghören und wegsehen, wenn man sie mit den einmaligen Gefahren unserer Situation konfrontiert. Übersteigt die Fülle immer neuer Hiobsbotschaften ihre seelische Belastungsfähigkeit? Haben sie die Monstrositäten der Tagesereignisse inzwischen als etwas schon Gewohntes und – schrecklich das sagen zu müssen – Langweiliges erfahren? Entsteht aus ihrem Gefühl der Hilflosigkeit nun auch Interessenlosigkeit Im Herbst 1987 mit seinen außerordentlichen politischen Skandalaffären, Börsenkatastrophen, epidemischen Bedrohungen und der Brutalisierung gesellschaftlicher Auseinandersetzungen ist eine Flucht vor dem Zuviel der schlimmen Nachrichten nur zu verständlich. Dennoch ist gerade jetzt ein Standhalten notwendig, wird ein tieferes Verständnis der täglich neuen Erscheinungen des Verfalls unentbehrlich.

Genau dabei kann die Lektüre dieses Werkes des Futurologen Flechtheim helfen. Seine Darstellung unserer Lage versucht nicht nur Voraussicht, sondern auch Übersicht und Einsicht zu stiften. In seiner ruhigen Schilderung der Unruhe, ihrer Ursachen und möglichen Folgen schafft es die Voraussetzung zu überlegter humanistisch und demokratisch orientierter politischer Teilnahme, die alleine mögliche Rettung aus immer katastrophaler werdenden Verhältnissen herbeiführen könnte.