Betrachtungen über deutsche Staaten in der deutschen Geschichte

Von Ulrich Hertmann

I.

Er gedenke, schrieb jemand im ausgehenden 18. Jahrhundert an seinen Freund, eine Reise in sein "Vaterland" zu tun. Ins "Ausland" also? Wohl kaum; denn betrachtet man Ausgangspunkt und Ziel der geplanten Reise, dann sollte sie von "Deutschland" nach "Deutschland" führen: von Jena nämlich an den Neckar. Der Briefschreiber war Friedrich Schiller, der Empfänger Johann Wolfgang von Goethe im benachbarten Weimar. Goethe übrigens hätte umgekehrt eine solche Ankündigung so nicht formulieren können. Die Freie Reichsstadt Frankfurt war ja nicht sein "Vaterland", sondern seine Vaterstadt. Heute würden Schiller und Goethe zur Angabe des Reiseziels ein anderes Wort benutzen: Heimat.

Aber wo liegt für einen Deutschen heute seine Heimat? In Deutschland? In welchem "Deutschland"? In der Bundesrepublik Deutschland oder in der Deutschen Demokratischen Republik? Oder in Gebieten, die vielleicht ehemals zum Deutschen Reich gehörten, in Schlesien oder in Ostpreußen? Die "Nationalität" all dieser Menschen kann nach ihrem Selbstverständnis lauten, "Deutsche" zu sein. Aber das besagt ja nichts über ihre Staatsangehörigkeit. Und sind diese Deutschen Angehörige eines deutschen "Volkes"? Was begründet die Zugehörigkeit zum "deutschen Volk"? Abstammung, Sprache, Kultur, gemeinsamer geographischer Siedlungsraum, Zugehörigkeit zu einem gemeinsamen Staat? Dann müßten "Volk" und "Staat" identisch sein, dann müßte das Staatsgebiet in seinen Grenzen mit den Sprachgrenzen und Kulturräumen zusammenfallen.

Eben dies ist in Vergangenheit und Gegenwart nie der Fall gewesen. Mag – als Ausnahmefall der geschichtlichen Entwicklung – Nation, Volk, Staat und Vaterland als gleichbedeutend verstanden werden – so in Frankreich als patrie, hat, les francais, nation – une et indivisible: eine unteilbare Einheit; so vielleicht in Spanien. Für die "Völker", "Nationen" und Staaten Europas gilt dies in der Regel nicht.

Und Deutschland? "Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden", formulierte Friedrich Schiller. Und der Weg zur Einheit der Nation – nach dem Vorbild der Franzosen, Spanier, Engländer – schien damals unter dem Dach des "Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation" ebenfalls verlegt: "Die Deutschen" waren zersplittert in "Vaterländer", weit über tausend Herrschaften und Territorien, in Kultur- und Sprachräume. Noch einmal Schiller: "Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens ..."