Wie schwer wir uns tun mit Menschen anderer Hautfarbe! Wir haben sie im Zirkus gezeigt, wir haben sie, wie die Missionare, nur als zu bekehrende Seelen betrachtet oder wie die moderne Industriegesellschaft als billige Arbeitskräfte.

Bei der Besiedlung Nordamerikas durch die Weißen trat das besonders kraß hervor. Sie waren weit übers Meer gekommen, weil zu Hause ihre Freiheit bedroht war, weil sie ihre Religion nicht ausüben durften. Und sie konnten doch nicht über ihren Schatten springen und dasselbe Recht auf Freiheit auch den Indianern zugestehen.

Die Indianer wichen zunächst zurück in die Weiten des riesigen Landes, und die Neuankömmlinge ließen sich an den Küsten nieder. Mitte des achtzehnten Jahrhunderts aber, als Land an der Küste knapp wurde, kämpften Engländer und Franzosen um die Herrschaft in Nordamerika. Auch die Indianer wurden in diesen Kampf mit einbezogen, von beiden Seiten, ebenso wie später in den Krieg der Engländer gegen die amerikanischen Truppen der Freiheitsarmee. George Washington siegte, Nordamerika wurde selbständig. Eine der ersten Taten des neuen Staates freier Menschen war es, die Indianer 1794 bei „Fallen Timber“ vernichtend zu schlagen.

In dieser Zeit, in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, spielt Günter Sachses Erzählung um Simon Girty. Girty, ein Weißer, als Kind gefangengenommen und zu den Seneca-Indianern verschleppt, wird von ihnen adoptiert und wächst als Indianer auf. Sie nennen ihn „Flinkfuß“ und später „Weißer Falke“. Er versucht für den Rest seines Lebens, zwischen der Welt der Indianer und jener der Weißen zu vermitteln. Simon wird Pfadfinder, Dolmetscher und Indianeragent.

In amerikanischen Berichten stößt man immer wieder auf die Berichte solcher „Halbindianer“. Auch Simon Girty war eine historische Figur. Im Nachwort wird ausdrücklich darauf hingewiesen, werden auch kurz seine letzten Lebensjahre geschildert. Die „Zeittafel“ bietet eine Gesamtschau über die ereignisreichen Jahre zwischen 1755 bis 1815. Indianische Begriffe verschiedener Stämme werden unter „Worterklärungen“ erläutert.

Aber vor allem ist dieses Buch eine spannend geschriebene Abenteuergeschichte. Es geht manchmal brutal zu – es war keine sanfte Zeit – aber weder Weiße noch Indianer sind Engel oder Teufel. Sie sind so gerecht, so bestechlich, so tapfer, so feige wie alle Menschen. Und nebenbei lernt der Leser eine Menge über Indianerbräuche und Sitten der Siedler.

Eine Schlüsselszene: Simon Flinkfuß soll zum Krieger der Senecas geweiht werden. Der Medizinmann läßt ihn fasten, schickt ihn dann in den nächtlichen Wald, damit er sein Totemtier trifft und in seinem Inneren die Stimme des Tieres hören soll. Kurz vor Sonnenaufgang läßt sich ein weißer Falke vor ihm nieder. Alles an der Voraussage stimmt: der Ort, die Größe des Tieres, die Entfernung, und doch bleibt die Vision aus. Simon muß erkennen, daß die Natur zu ihm nicht wie zu einem Indianer spricht. „Er war ein Weißer und würde es bleiben. Nun gut, so sollte es sein.“ Wie befohlen jagt er den Falken, bringt ihn zum Dorf und erhält dort seinen Kriegernamen. Nun versucht er, seine weiße Abstammung und sein indianisches Wissen zum Nutzen der beiden Rassen einzusetzen. Das ist schwer, denn beide Gruppen fühlen sich im Recht.