Von Klaus Modick

Die Schwierigkeit, in der gegenwärtigen Situation einen Roman zu schreiben, der gesellschaftskritisch und -analytisch „aufs Ganze“ geht, der also an einem Konzept von Aufklärung festhält, das nicht nur dem einzelnen Aufschlüsse über sich selbst vermittelt, sondern auch über die Bezüge und Verstrickungen des einzelnen ins politische, psychologische, soziale und historische Gespinst, ins „System“, diese Schwierigkeit hat objektive Gründe.

Die Informationsfunktion nämlich, die der vielperspektivische Zeitroman etwa noch in den zwanziger Jahren zu erfüllen hatte und auch noch durch gründliche Recherche der jeweiligen Gegenwart erfüllen konnte, wird heute von schriftlichen, elektronischen und besonders auch optischen journalistischen Medien schneller und gründlicher geleistet. Gesellschaftliche Aufklärung im Sinn von Zusammenhang und Information können Romane nur noch um den Preis des ästhetischen Anachronismus, der gutgemeinten Kolportage oder des aus dem Roman herausdrängenden Dokumentarismus leisten. Der klassische gesellschaftskritische, in der Tradition der Aufklärung stehende Roman fällt mithin der allgemeinen Verkomplizierung und Beschleunigung unserer Lebensverhältnisse, vor allem des Medientransports, zum Opfer – und damit dem wachsenden Informationsstand eines (zumal zahlenmäßig schrumpfenden) Lesepublikums, das das, was es eh schon weiß, nicht unbedingt noch einmal schöner gesagt bekommen will.

Der Roman von heute, will er nach wie vor Erkenntniszuwachs vermitteln und sich dabei formal nicht mit postmodernem Epigonentum bescheiden, kann sich also kaum noch an die detaillierte, ästhetische Konstruktion eines „gesamtgesellschaftlichen“ Zustands oder Querschnitts wagen, sondern muß vielmehr punktuelle Tiefbohrungen an solchen Details vornehmen, die Rückschlüsse aufs Ganze zulassen. Die Welt wird, wenn man so sagen kann, nicht mehr von außen betrachtet, sondern an einer genau berechneten Stelle von innen her aufgebohrt. Die zutage geförderten Schichten erlauben dann, ist die Bohrung gelungen, Interpretationen des als Ganzes nicht mehr erfahrbaren Ganzen.

Gleiches gilt, mit Einschränkungen, für die Kultur- und Sozialwissenschaften, die sich von übergreifenden Entwürfen, die vor etwa zehn Jahren noch relativ verbindlich waren, verabschiedet und auf phänomenologische und motivgeschichtliche Detailstudien zurückgezogen haben. In den Zusammenhang gehört auch die, nur auf den ersten Blick verblüffende, Renaissance des historischen Romans, der sich ja auch der Nicht-Darstellbarkeit des Jetzt in die Abgeschlossenheit eines überschaubaren, geschichtlichen Augenblicks zurückzieht. Die bekanntesten Beispiele des Genres, Patrick Süskinds „Das Parfüm“ und Umberto Ecos „Der Name der Rose“, haben historische Abgeschlossenheit mit der Tiefbohrung im Detail verbunden – und der Erfolg dieser Bücher dürfte nicht zuletzt in dieser Kombination zu suchen sein.

In Ecos isolierter Klosterbibliothek öffnet sich schießlich wieder die Welt, wenn man so will gar das Universum – verschriftet freilich, zeichenhaft thesauriert. Und Süskind taucht radikal in die Tiefe des sinnlichen Phänomens Riechen, und das Phänomen entbindet aus sich wieder ein Weltbild – parabelhaft freilich und kostümiert. Diese Werke sind, trotz, vielleicht sogar wegen ihrer leserfreundlichen Spannungsdramaturgie nachdrücklich der Aufklärung verpflichtet. Und sie können wieder aufklären, weil sie etwas vermitteln, was dem Leser in anderen Medien nicht vermittelbar ist.

Hermann Kinders neuer Roman gehört ganz zweifellos in diesen Kontext, auch wenn er sich in seiner kompositorischen wie sprachlichen Organisation von Eco und Süskind dadurch unterscheidet, daß Kinder es seinen Lesern schwer macht. Verführen jene den Leser durch äußere Spannung zu intellektuellen Abenteuern, so nimmt Kinder das Abenteuer des Intellekts beim Wort. „Ins Auge“ ist eine motivgeschichtliche Tiefbohrung mit historischen Wurzeln und Schlagschatten in die Zukunft, hüllt sich aber nicht ins Mönchsgewand vertrauter Detektivgeschichten noch ins Parfüm süffigen Es-war-einmal-Erzählens, sondern experimentiert mit großem Mut zum Risiko gleichermaßen virtuos mit dem Sprachmaterial als auch mit der Erzählform.