Kasparows Gehabe geht vielen Anhängern auf die Nerven

Von Wolfram Runkel

Stierkampfatmosphäre in Sevilla. Der Matador macht Versprechungen: „Das Blut, auf das die Fans so lange warten, wird bald fließen.“ Die angeblich blutrünstigen Fans befinden sich jedoch mitnichten in Sevillas Stierkampfarena – sie sitzen im rotgepolsterten Zuschauerraum des feinen neoklassizistischen Lopede-Vega-Theaters; sie sind Schach-Enthusiasten aus aller Welt, und der Matador ist Schach-Weltmeister Garry Kasparow.

In seinem vierten Duell gegen Anatoli Karpow hat er gerade die 15. Partie zu Ende gebracht, ein sterbenslangweiliges Remis. Drei Stunden lang lavierten die beiden mit ihren Figuren auf dem Brett wie Ringer, die umeinander herumschleichen, ohne sich je zu berühren. Bloß keine Blöße.

Bei Karpow ist man derlei Methoden gewöhnt. Dennoch wirkten sie bei diesem Spielstand verwunderlich, lag Karpow doch vor dieser 14. Partie mit 6:7 im Rückstand, benötigte also bis zur 24. Partie noch mindestens zwei Siege, um den Weltmeister zu entthronen. Kasparow andererseits hatte früher wenigstens mit den weißen Steinen stets seinen Anzugsvorteil zu stürmischen Attacken genutzt, ist dabei freilich oft in Karpows Konter gelaufen. So spielte er nun seine letzten drei Partien mit Weiß risikolos wie sein Gegner. Hat er gelernt oder verlernt? fragen die großen und kleinen Meister. Er hat gelernt – zu warten. „Bei dem Spielstand ist es Karpow, der kommen muß“, sagt der Weltmeister.

„Er hat verlernt, mit Weiß zu spielen“, meint hingegen der englische Großmeister Raymond Keene, einer seiner glühendsten Verehrer. Tatsächlich wirkt der Weltmeister in Sevilla generell schwächer als in den früheren Matches. Zwar spielte er in der ersten Phase des Wettkampfes nicht gar so einfallslos wie jetzt, aber dafür unterliefen ihm einige, zum Teil krasse, Fehler. Nach den drei vorangegangenen langen Duellen, in denen er dem alten Weltmeister Karpow mühsam und gleichsam etappenweise den Titel wegnahm, scheint er jetzt einfach nicht mehr so motiviert, hält er sich doch sowieso für den Größten. Zudem hat er sich in einer Reihe von Nebentätigkeiten verzettelt, etwa als Präsident der von ihm gegründeten „Großmeisterunion“ (GMA), einer Art Gegenorganisation zum offiziellen Internationalen Schachverband (Fide), dessen verhaßten Präsidenten Florencio Campomanes er ausstechen will;

Beifall für Karpow