Zwei Männer schauen in den Mond. Dort oben, sagt der verkrüppelte Euclides, liege immer Schnee, deshalb sei der Mond so weiß. Kalt sei es droben, sagt der Junge. Ob es das auch hier auf der Erde gebe, fragt Cobra Verde, der Bandit. Da müsse er nach Westen gehen, sagt Euclides, vier Jahre mit einem Pferd und zehn Jahre zu Fuß, in die Berge, die bis zu den Wolken reichen. Dort falle der Schnee, der das Fell der Hasen und das Gefieder der Adler weiß färbt, der salzige Schnee, den die Berge nachts vom Mond herunterziehen. Soviel Salz sei darin wie in unseren Tränen. Der Schnee sei vielleicht überhaupt nur Geweintes.

Cobra Verde wird das Märchen vom Schnee nicht mehr vergessen. Er wird von den Schneebergen träumen, wie der Kautschukbaron Fitzcarraldo vom Opernhaus in Manaus geträumt hat und der spanische Ritter Aguirre von einem Gegenreich mitten im Dschungel. Er wird von Brasilien nach Afrika fahren, mit Sklaven handeln und einen König stürzen, um Geld zu bekommen und Macht für seinen Traum. Er wird der einsame Weiße unter den Wilden sein, ein Schneemensch in der schwarzen Hölle. Francisco Manoel da Silva, genannt Cobra Verde, wird wie ein lebendes Symbol durch die Welt laufen und immer dieselbe Botschaft in die Kamera raunen: „Der Schnee. Der Schnee.“

Werner Herzog hat einen neuen Akt seines Ein-Mann-Welttheaters gedreht: „Cobra Verde“. Wieder zieht ein Mann durch die Welt, wer weiß wohin, um sie und sich selbst zu erlösen, wer weiß wovon. Und wieder ist es Klaus Kinski, der Universaldämon, das alter ego seines Regisseurs. Aber nach Aguirre und Nosferatu, nach Woyzeck und Fitzcarraldo spielt Kinski diesmal vor allem sich selbst. In seiner fünften Metamorphose tritt Klaus Kinski endgültig als Klaus Kinski auf.

Francisco Manoel kniet am Grab seiner Mutter, ringsum dürre Steppe, Knochen, verdurstendes Vieh. Mächtig blickt die Kamera auf Kinski herab. Das soll nicht so bleiben. Fürderhin kniet sie vor dem Star, und Kinski erlaubt sich huldvoll, gelegentlich den Cobra Verde zu spielen. Vielleicht wollte Werner Herzog ja ein Denkmal für seinen Lieblingsdarsteller errichten. Aber das „Weltwunder“ (Herzog über Kinski) stürzt diesmal ganz tief, vom Mythos in die Marotte. „Cobra Verde“ ist die Tragödie eines lächerlichen Mannes.

Francisco Manoel zieht hinaus in die Welt, von Brasilien nach Kolumbien. Auf dem Weg dorthin erschlägt er in einer Goldgrube den Aufseher, angelt sich am Straßenrand eine Geliebte, philosophiert mit Euclides, zeichnet sich beim Fluchtversuch eines Sklaven als Nothelfer aus und wird Aufseher in einer Zuckerrohrplantage. In Werner Herzogs Filmerzählung (Hanser Verlag, 96 Seiten, 19,80 DM) sind das noch Episoden, im Film nur noch Andeutungen. Kinski verspielt sie souverän. Bedeutend stolziert er durch das Haus des Plantagenbesitzers und vernascht nebenbei dessen drei Töchter. Zur Strafe wird er über den Ozean geschickt, um beim König von Dahomey Sklaven zu kaufen. Ein Himmelfahrtskommando, für Cobra Verde wie für seinen Regisseur.

In Afrika hat Werner Herzog Hunderte von Statisten vor die Kamera getrommelt, ein Hüttendorf samt Königspalast aufgebaut, einen echten schwarzen König („Seine Königliche Hoheit Nana Agyefi Kwame II. von Nsein“) herbeigeschafft und ein altes Sklavenfort wiederbelebt. Ein Abenteuerfilm ist nicht dabei herausgekommen, sondern ein absurder Ethno-Schinken, eine kolonialistische Farce. Man sieht eine Heerschar von „Amazonen“, die unter Kinskis Kommando in schmucker Kriegsbemalung Hauen und Stechen übt; lange Reihen von fröhlich einhertrottenden Sklaven, die offensichtlich nach dem ehrenvollen Dienst auf seiner Majestät Plantagen lechzen; einen Negerkönig wie aus dem dümmsten denkbaren Hollywoodfilm; Märsche, Begrüßungstänze à la Schulfernsehen („Riten der Völker“); und allen voran Kinski in abgeschabter Leutnantsuniform, immer „mythisch“, immer in Pose, schwanger mit Rätseln, vom Weltgeist umwölkt, ein abgetakelter Kinoheld bei seiner letzten Selbstumrundung.

Der gute alte Faschismusverdacht hegt da natürlich nahe. „Cobra Verde“: ein Loblied auf den Sklavenhandel, ein Hymnus auf die selige Kolonialzeit, in der man noch genüßlich Leibeigene schwängern oder auspeitschen lassen konnte, je nach Bedarf? Wäre der Film nicht so furchtbar naiv, hätte er den Vorwurf womöglich verdient. Aber um faschistische Filme zu drehen, muß man die Statisterie wenigstens beherrschen. Herzogs Kamera jedoch befiehlt den schwarzen Scharen nicht, sie schaut ihnen nur demütig zu. So wird die böse Macho-Romanze zum deutsch-afrikanischen Turnerfest. Bisweilen ahnt man, daß „Cobra Verde“ eine Verbrüderungsphantasie ist: wenn Kinski im Getümmel der Amazonen fast untergeht und vom Führer zum Verführten wird; oder wenn eine endlose Reihe von Fahnenschwingern seine Botschaften an den neuen König, seinen Freund übermittelt – die Fahnen rauschen übers Land, die Luft schwirrt von Mitteilungen, die Welten sind versöhnt.