Ein Buch, das nachdenklich und traurig stimmt – sein Text, seine Photos. Ein Buch vom Abschied, wie ein Sterbebuch, fast ein Totenbuch. Wie ein Testament – nur für wen? Für die Juden selber, die hier, in Polen, einmal gelebt, überlebt haben und seit langer Zeit schon anderswo leben, in New York oder in London oder in Sidney? Oder etwa ein Testament für uns, die Deutschen, die einmal, vor über vierzig Jahren, dafür gesorgt haben, daß aus diesem „Land des Paradieses“ der Juden ihr „Land des Holocaust“ wurde?

So sollte es sein, wenn dieses Buch gelesen und auch begriffen werden sollte: Es ist wie ein Testament für beide, für die Juden und uns, für die davongekommenen Opfer und die Nachgeborenen der Täter. Es sollte so sein, ginge es bei uns noch mit rechten Dingen zu. Denn das war einmal Judentum in Polen, in kargen Zahlen, Stand 1939: mit 3,5 Millionen Juden war Polen nach den Vereinigten Staaten die zweitgrößte Diaspora in der Welt; es gab an die dreißig jüdische Tageszeitungen, über 400 jüdische Friedhöfe. Warschaus jüdisches Theater war weltberühmt, Lublins jüdische Schulen und Institute gaben der Stadt den Beinamen „jüdisches Oxford“. Polen – das war einmal Quelle der jiddischen Sprache, der Kabbala, des Chassidismus. Es war eine große, reiche Welt.

Judentum in Polen heute: Eintausendachthundert leben noch, überwiegend Alte, Gebrechliche, Einsame. 1968 gab es noch einmal, nach einer staatlich organisierten Antisemitismus-Kampagne, einen Massenexodus, 1970 verließ der letzte Rabbiner Polen. Einer, der in diesem Buch zu Worte kommt, sagt: „Wir sind ein Volk, das abtritt, ein Volk ohne Zukunft“, ein anderer: „Wir sind die letzten Juden, endgültig.“ Daneben gibt es auch, trotz allem, die anderen, leisen Stimmen, wie diese: „Unser Volk stirbt seit 2000 Jahren aus und ist immer noch am Leben“ (der Geschichtsdozent Szymon Datner), „Im Krieg habe ich 27 Mitglieder meiner Familie verloren und dazu alles, was ich besaß, mein Zuhause, meine Existenz. Und ich kann immer noch lachen. Oh, der Mensch kann sehr viel ertragen“ (die „Mutter“ der Krakauer Gemeinde, Roza Jakubowicz). Unter den Deutschen wurden drei Millionen polnische Juden ermordet. Fünf Jahre haben damals ausgereicht, diese Menschen zu vernichten und eine Geschichte, die Jahrhunderte gedauert hatte.

Spurensuche also. Längst ehe dieses Wort, nun auch schon wieder modisch geworden, bei uns auftauchte und benutzt wurde, hatte sich in Polen ein junges Paar, Nichtjuden beide, sie Journalistin, er Photograph, auf die mühsame, bedrückende Suche nach den letzten, oftverborgenen Juden gemacht. Es ist daraus ein Buch der Trauer geworden, ein letztes Dokument vor dem Untergang. Bilder noch einmal – von einem alten Gesicht, einem verlassenen Friedhof. Worte noch einmal – von Sara, die erzählt, daß es in dem Städtchen Wlodawa vor dem Krieg so viele Juden gegeben habe, daß man Tage gebraucht hätte, um sie alle zu zählen; oder von Leiba, der letzten Jüdin aus dem Ort Luków: „Wir sind doch, so heißt es, das auserwählte Volk. Und was hat uns das gebracht? Blut, nochmals Blut und Haß und furchtbares Gemetzel. Ich habe mir gedacht, er hätte uns besser nicht auserwählen sollen. Er soll uns leben lassen, wie die anderen auch.“

Worte, Bilder, die sprachlos machen. Nun sind sie aber aufgehoben. Nur: für wen? Für uns, für die wenigen anderen, die in der Verstreuung leben, getrennt längst von dieser Welt, die allmählich verschwindet, untergeht? Wie oft steht neuerdings über ähnliche Bücher geschrieben: Dies gehöre in den Unterricht, in jede Schulbibliothek, es sei Pflichtlektüre. Zu diesem Buch, das wehmütig stimmen kann und betroffen machen müßte, genügt zu sagen, daß es notwendig ist, daß, wer es einmal in die Hand genommen hat, künftig wohl anders reden, anders denken, hoffentlich auch anders handeln wird, wenn die Sprache auf das leidige, vor allem leidvolle Thema „Juden und Deutsche“ kommt. Denn diese kleine, sterbende Welt der Juden in Polen ist auch ein Stück unserer Welt, unserer Geschichte. Dietrich Strothmann

  • Malgorzata Niezabitowska und Tomasz Tomaszewski: Die letzten Juden in Polen

Stemmle, Schaffhausen 1987; 183 S., 64,– DM