Von Hans Otto Eglau

Noch am 7. Februar schien der Familienfrieden gewahrt Im Münchner Gourmet-Tempel „Käfer“ zelebrierte Friedrich Karl Flick zusammen mit seinen Neffen Gert-Rudolf und Friedrich Christian Flick seinen sechzigsten Geburtstag. Sogar schriftlich bedankte sich Friedrich Christian beim „lieben Fritz-Karl“ hinterher für das „köstliche Essen“ und die „hervorragende Musik“. Nichts Böses ließ die Anregung „Micks“ einige Zeilen weiter befürchten, „uns im März oder April zusammen mit Muck einmal persönlich zu treffen“. „Wir hätten dann die Gelegenheit“, so der jüngere der beiden Flick-Brüder, „uns auszusprechen.“

Beim verabredeten Treffen Ende März wurden die Erben des 1974 verstorbenen ältesten Gründer-Sohns Otto-Ernst Flick jedoch bereits konkret. Friedrich Karl, der den ihm nach dem Ausscheiden der beiden Neffen 1975 allein gehörenden Konzern Ende 1985 für fünf Milliarden Mark an die Deutsche Bank verkauft hatte, möge dem Bruder-Stamm nachträglich materiell Genugtuung gewähren. Obwohl der Milliardär für den Wunsch der Neffen, „ich solle in etwaige künftige langfristige Überlegungen die nächste Generation Eures Stammes einbeziehen, Verständnis“ andeutete, versprach er lediglich ausweichend, „zu gegebener Zeit meine Entschlüsse in Anbetracht des gesamten Umfeldes zu treffen“. In dem „erfreulichen Eindruck, daß Ihr nicht an irgendwelche Ansprüche rechtlicher oder sonstiger Natur denkt“, sollte sich Onkel Fritz Karl jedoch, wie sich schon bald herausstellte, gründlich täuschen.

Unmittelbar nach ihrem Gespräch mit dem letzten Oberhaupt des größten deutschen Industrievermögens in Familienbesitz beauftragten „Mick“ und „Muck“ den Frankfurter Wirtschaftsjuristen Professor Helmut Coing, die von Gründer Friedrich Flick mit seinen Nachkommen geschlossenen Erbverträge auf Nachbesserungsmöglichkeiten für ihren Stamm abzuklopfen. Ihre Erwartungen richteten sich dabei vor allem auf die Bevorzugung Friedrich Karls in der Erbfolge, nachdem dessen Bruder nach einem spektakulären Prozeß mit dem Vater 1966 aus der Gesellschaft ausgeschieden war. Der Grund für die bevorzugte Stellung des jüngeren Sohnes, die vom Senior gewünschte einheitliche Fortführung des Unternehmens, sei jedoch durch den Verkauf nachträglich hinfällig geworden. Coings Stellungnahme war denn auch durchaus nach dem Geschmack der Neffen. Unter der Voraussetzung, daß der offiziell mit drohenden Erbschafts- und Erbersatzsteuern begründete Totalverkauf nicht zwingend notwendig gewesen wäre, so der Gutachter, müsse „die Verteilung des von Dr. Friedrich Flick erworbenen Vermögens ... überprüft und unter dem Grundsatz von Treu und Glauben neu geordnet werden“. Ziel einer Neuregelung müsse es sein, „die Gleichheit der Stämme, wie sie 1960“ – also vor der Enterbung Otto-Emst Flicks – „von den Eheleuten Flick vorgesehen war, wieder herzustellen“.

Die Wiederherstellung des Stammesfriedens käme Friedrich Karl Flick allerdings teuer zu stehen. Denn nach der Abfindung seines Bruders vertrat er fortan siebzig Prozent an der Friedrich Flick KG, der durch die beiden Neffen und Nichte Dagmar repräsentierte zweite Stamm (bis zu dessen Ausscheiden 1975) lediglich dreißig Prozent. Anrechnen lassen müßten sich Mick und Muck aber wohl die 80 Millionen Mark netto, die ihr Vater als Mitgift fürs Privatleben erhielt und die 308 Millionen, die sie – ebenfalls netto – zusammen mit ihrer Schwester 1975 als Abfindung kassierten.

Daß ihr reicher Onkel bei entsprechendem Druck finanziellen Nachbesserungen nicht gänzlich abgeneigt ist, hatten die Neffen bereits vor genau zwei Jahren feststellen können. Als sie damals Wind von den Verkaufsverhandlungen mit der Deutschen Bank erhielten, ließen sie die Geldmanager unmißverständlich wissen, daß sie den Deal mit allen Mitteln bekämpfen würden. „Du weißt“, schrieb Gert-Rudolf Flick gleichzeitig an den Onkel, „daß wir damals bewußt zum Zwecke der Ermöglichung einer Fortführung des Flick-Konzerns durch Dich auf erhebliche schon damals vorhandene Werte verzichtet hatten.“ Deshalb bitte er „dringend, daß Du Deine Mitarbeiter anweist, möglichst bald einen Vorschlag an unseren Anwalt zu senden“. Da auch die Deutsche Bank drängte, vor Abschluß des Milliardengeschäfts das leidige „Neffenproblem“ aus der Welt zu schaffen, ließ sich Flick widerstrebend zu einem Nachschlag von brutto 225 Millionen Mark breitschlagen. In einem außergerichtlichen Vergleich verzichteten die in der Schweiz domizilierenden Erben, „auf alle etwaigen weitergehenden Ansprüche“.

Doch schon Mitte vergangenen Jahres hielten die im internationalen Jet-set wohlgelittenen Gründerenkel erneut die Hand auf: Da sie, anders als erhofft, ihren Nachschlag nicht in der Schweiz mit milden zwanzig Prozent zu versteuern gehabt hätten, sondern mit dem bundesdeutschen Spitzensatz von 56 Prozent, drohten sie damit, zusätzliche 62 Millionen Mark durch eine Klage vor dem Münchner Landgericht einzutreiben. Erst als „FKF“ nach Erhalt der über hundert Seiten langen Klageschrift andererseits drohte, die bereits gezahlten 225 Millionen zurückzufordern, gaben die beiden auf – zumindest vorübergehend.