Bolivien kann jetzt seine eigenen Schulden mit einem kräftigen Abschlag zurückkaufen

Von Ulrich Kulke

Mit einem Zaubertrick versucht Bolivien, eines der ärmsten Länder der Welt, sich aus dem Sumpf der Schuldenkrise herauszuziehen – debt buy back: Die Regierung in La Paz wird ihre eigenen Schuldtitel mit einem kräftigen Abschlag von den Gläubigerbanken zurückkaufen. Wird der Andenstaat damit zum Modellfall für andere lateinamerikanische Schuldner?

Erst jetzt schuf der Internationale Währungsfonds (IWF) die Voraussetzungen, um die nötigen Konten für diese bisher einmalige Transaktion einzurichten. Zum ersten Mal bahnt sich ein Forderungsverzicht von Geschäftsbanken gegenüber einem Schuldnerland an, wenn auch streng nach den Gesetzen des Marktes. Dabei ist Bolivien vorerst ein Sonderfall. Die Wirtschaftslage des Landes gilt als besonders ausweglos, und die Banken sind schon aus eigenem Interesse zu größeren Konzessionen gezwungen. Der Weltmarktpreis für Zinn, Boliviens Hauptexportprodukt, liegt darnieder. Um so größere Bedeutung als Devisenbringer hat seitdem die Kokainausfuhr – sehr zum Verdruß der Regierung des Kokainimportlandes USA. Aber auch die Regierung von Präsident Victor Paz Estenssoro in La Paz selbst gerät mehr und mehr in Abhängigkeit von der milliardenschweren Drogenmafia.

Ein Sonderfall ist Bolivien auch aufgrund der Struktur seiner Auslandsverschuldung. Von den rund 3,9 Milliarden Dollar Gesamtverbindlichkeiten stammen nur 650 Millionen Dollar von privaten Banken, den Löwenanteil stellen im Gegensatz zu anderen Schuldnerländern westliche Regierungen oder multilaterale Institutionen. Die Bankforderungen von 650 Millionen Dollar sollen nun an Bolivien verkauft werden – zu einem Preis von nur fünfundsechzig bis hundert Millionen Dollar. Obwohl solche Ansprüche aus Krediten an Entwicklungsländer inzwischen auf einem „Gebrauchtkreditmarkt“ (Bankenjargon) frei gehandelt werden, ist für ein solches Selbstrückkaufgeschäft die Zustimmung der Banken zwingend erforderlich. Sie fürchten vom jeweiligen Land ausgetrickst zu werden.

Viele Sonderangebote

Seit 1984 bieten die Gläubigerbanken in großem Maßstab mit unterschiedlichstem Rabatt Außenstände an, bei denen ihre Hoffnung auf pünktliche Zinseingänge oder gar Tilgung geschwunden ist. Die Gruppe der fünfzehn am stärksten verschuldeten Länder der Erde hat inzwischen rund dreihundert Milliarden Dollar an Schulden bei privaten Banken angehäuft. Davon wechselten nach offiziellen Schätzungen bislang Forderungen in der Höhe zwischen dreizehn und achtzehn Milliarden Dollar ihren Besitzer. Fachleute rechnen mit einem jährlichen Handel von mindestens fünf Milliarden Dollar mit Abschlägen von durchschnittlich vierzig bis fünfundvierzig Prozent. Kredite an besonders zahlungsschwache Länder werden bereits zu zehn Prozent des Nennwertes gehandelt.