Aida im Bauch

Eigentlich ging es nur um simplen Wirsing und Suppengemüse, aber damit ist heute keiner mehr hinter dem Ofen hervorzulocken. Essen und trinken soll ja, wie der Volksmund wiederkäuend versichert, den strammen Leib zusammenhalten, und bei überreichlicher Verpflegung die Seele noch dazu.

Besonders letzterem fühlt sich die Zeitschrift essen & trinken in besonderem Maße verpflichtet. In ihrer jüngsten Ausgabe legt sie den Kochlöffel beiseite und greift, um den Lesern den Mund wäßrig zu machen, zum Taktstock. Selbstverständlich nicht ohne noch zwei gestrichene Eßlöffel Niveau unterzumengen. Kostprobe: „Vollwertküche ist Streichquartett, klassisches Menü ist Große Oper.“

Wir ahnten es schon früher, jetzt wissen wir’s, warum „Carmen“ und „Lucia di Lammermoor“ uns immer so schwer im Magen liegen... Doch stecken wir die Nase noch tiefer in diesen vielversprechenden Eintopf.

„Beides ist wundervoll, aber es gehört mehr dazu, sich am Streichquartett zu berauschen als an ‚Aida‘, will sagen: Nur die feinsinnigsten Feinschmecker – die Leser von essen & trinken zum Beispiel –“ (welch feiner Honig fließt da in den Bart des Lesers, nur die feinsinnigsten Feinschmecker lassen sich das auf der Zunge zergehen) „werden die unendlich zarten Reize unseres Vollwertküchen-Menüs ganz und gar auszukosten wissen, Reize, keineswegs auf Moll, sondern auf strahlendes Spätherbst-Dur gestimmt.“ Das ist Dur, reines Küchen-Dur!

Was essen wir bloß morgen? Endlich können wir versierten Musikfreunden geschmackvolle Antworten geben: Zum Frühstück eine frischgepreßte Bach-Kantate, zum Mittag eine sättigende Beethoven-Ouvertüre, gegrillt, und abends, das bietet sich an, frische Chopin-Nocturnes, garniert mit gedünsteten Rondos.

Wie gesagt, eigentlich sollte es Wirsing und Suppengemüse geben.